Auszug von einem Gespräch mit Sant Kirpal Singh, Washington D.C., 24. Jänner 1964

Vortrag als mp3 bei audio.sant-kirpal-singh.org

 

Hazur Baba Sawan Singh mit Sant Kirpal SinghWie man es an meinem Äußeren sehen kann, wurde ich in einer Sikh-Familie ge­boren. Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen; er braucht eine Gemein­schaft, in der er leben kann – und so wird er in diese oder jene Familie gebo­ren. Und er muss auch in irgendeiner Ge­meinschaft bleiben.

Schon als Kind hatte ich Verlangen nach Gott. Jeder Mensch hat seinen be­sonderen Hintergrund. Als ich die Heili­gen Schriften der Sikhs studierte, über­flog ich sie nicht, sondern las sie sehr ernsthaft. Ich schlug das Heilige Buch der Sikhs auf und las nur einen Vers – nicht mehrere Seiten – schrieb ihn ab und hielt ihn mir den ganzen Tag vor Augen und sagte mir dabei: "Das ist meine heutige Lektion." Je öfter ihr etwas lest, um so mehr werdet ihr diesen Worten entneh­men. Wenn wir die Schriften lesen, über­fliegen wir sie meistens nur. Wir lesen zwei, vier oder zehn Seiten und lesen im­mer weiter; und wenn wir die Schriften beiseite legen, wissen wir nicht einmal, was wir gelesen haben. Wir vergessen. Aber ich tat das nicht, und so kam ich zu der Erkenntnis, dass uns alle Schriften sa­gen, dass es einen Gott gibt. Diese Über­zeugung hatte ich in mir, ich kann wohl sagen, ich war von ihr durchdrungen. Ich zweifelte nie an Gott. Aber die Schriften wiesen auch auf die Notwendigkeit der Gemeinschaft mit einem Menschen hin, der Gott erkannt hat – ihr mögt ihn Guru, Meister, Lehrer oder anders nennen: "Wenn ihr Gott sehen wollt, dann geht zu jemandem, der Gott sieht" – das sagt uns der gesunde Menschenverstand – "und dem ihr euch hingeben könnt: mit Gemüt, Körper und Seele." Je mehr ihr euch hingeben könnt, desto mehr werdet ihr erreichen. Doch zunächst müssen wir einen finden, der Gott kennt und Gott sieht – so wie ich euch sehe und ihr mich.

Je  mehr  ich   mich   mit   den   Sikh-Schriften und mit den Schriften anderer Religionen befasste, um so mehr fand ich diese Wahrheit bestätigt. Wenn ihr eine Wallfahrt macht, nehmt am besten je­manden mit, der schon einmal an diesem Wallfahrtsort war. Dann wird die Reise leichter, nicht wahr? Wir können voller Zuversicht aufbrechen. Nehmt an, ihr müsst euer Land verlassen und in ein fremdes Land reisen. Was werdet ihr dann tun? Im allgemeinen nehmt ihr Reiseführer zur Hand, um zu sehen, wie man dorthin gelangt, welchen Weg ihr nehmen müsst, wo ihr bleiben könnt und wo nicht. Nehmt an, ihr reist in ein Land, dessen Sprache ihr nicht kennt, was tut ihr dann? Und wieviel Geld wer­det ihr benötigen? Was müsst ihr alles mitnehmen? All das überlegt ihr euch. Im Reiseführer findet man natürlich In­formationen  (darüber),  aber er  kann nicht sprechen. Wenn ihr ihn durchlest, findet ihr da den einen Hinweis, den nächsten auf Seite zehn und wieder einen auf Seite fünfzehn. Wenn aber jemand zu euch kommt, während ihr im Reise­führer nach Hinweisen sucht, und euch sagt: "Du möchtest doch dorthin reisen? Es gibt hier jemanden, der von dorther kommt", was würdet ihr tun? Ihr wür­det   den   Reiseführer   schließen   und schnellstens zu demjenigen gehen.

Warum? Das ist doch ganz natürlich. (Und so ist es bei den Heiligen Schriften:) Sie sagen uns: "Sitzt zu den Füßen von einem, der Gott erkannt hat." Lest die Schriften, und ihr werdet in allen das gleiche finden. Doch man­ches wird nicht deutlich beschrieben: Die Schriften sind nicht wie ein Lehrbuch – vielmehr findet ihr da den einen Hinweis und dort einen anderen; manches wird in Form von Gleichnissen erklärt und an­deres direkt; aber ihr werdet in keinem der Bücher eine vollständige Darstellung finden. So wie ich es euch nun erkläre, werdet ihr es in den Schriften nicht fin­den.

Ihr werdet also zu diesem Mann ge­hen. Wenn ihr zu ihm kommt, wird er sagen: "Oh ja, ich war an diesem Ort. Willst du dorthin reisen?" "Ja!" Und wenn ihr ihm eine Frage stellt, wird er sagen: "Ja, nehmt diesen Weg, dort könnt ihr unterwegs halt machen, hier kann man essen" – und noch vieles mehr. Ihr seid nun davon überzeugt, dass er das alles selbst gesehen hat – doch er fährt jetzt nicht zurück. Aber in der fol­genden Woche hört ihr, dass er zu dem Ort zurückkehren will, von dem er ge­kommen ist und zu dem ihr reisen wollt, und ihr fragt ihn: "Könnt ihr mich mit­nehmen?" "Ja, sehr gerne!" Wie beru­higt fühlt ihr euch dann! Ihr braucht euch nicht darum zu sorgen, wohin ihr überall gehen werdet, weil er sich aus­kennt – er war ja bereits dort.

Ähnlich las ich bei meiner Suche fast alle Heiligen Schriften; zuerst die der Fa­milie, in der ich geboren wurde. Die Sikh-Schriften sind eine große Schatz­kammer: Sie umfassen mehr als eintau­sendvierhundert großformatige Seiten. Ihre besondere Schönheit liegt darin, dass sie das Wissen so vieler Gottmen­schen gleichzeitig enthalten. Die ältesten Schriften der Welt werden "Veden" ge­nannt. Auch Veden enthalten die Worte und das Wissen nicht nur eines, sondern vieler Rishis.

Ihr werdet sehen, dass die späteren Schriften nur das wiedergeben, was ein bestimmter Meister, der zu seiner Zeit kam, gesagt hat – obwohl die Lehren alle gleich sind. Ich beschreibe jetzt ein­mal die Schönheit dieser Schriften: Die jüngsten der Heiligen Schriften, die der Sikhs, die vor vierhundert Jahren ge­schrieben wurden, enthalten die Er­kenntnisse so vieler Meister, wie man zu jener Zeit nur finden konnte. Guru Ar-jan (1563 - 1606) war es, der die Werke der vier Meister, die vor ihm kamen, zu­sammentrug. Er war der fünfte Guru nach Guru Nanak (1469 - 1539), und Guru Nanak war ein Zeitgenosse Kabirs (1398 -1518); acht und vierzig Jahre lang wirkten sie gleichzeitig. Guru Arjan trug all ihre Worte zusammen und fügte seine eigenen dazu; die Hälfte etwa sammelte er und die andere Hälfte fügte er hinzu. Er war ein sehr guter, gottinspirierter Mensch. Er sagte: "Ich und mein Vater sind eins. Vater und Sohn sind in dersel­ben Farbe gefärbt. Sie haben ein Bünd­nis geschlossen." Solche Aussagen ste­hen in seinen Schriften. Dann ließ er ein paar Seiten frei und schloss das Buch mit ihnen. Er sagte: "Unerschöpflich ist die Quelle der Göttlichkeit; je mehr ihr euch darin vertieft, desto mehr Juwelen von unschätzbarem Wert werdet ihr finden", und er ließ ein paar Seiten leer. Die Leute fragten ihn: "Warum tust du das?" Er sagte: "Auf diesen Seiten sollen die Wor­te des neunten Gurus (Guru Teg Bahla­dur 1621 - 1675), der einmal nach mir kommen wird, niedergeschrieben wer­den." Und sie enthalten auch einen Vers des zehnten Gurus (Guru Gobind Singh 1660 - 1708). Sie sind die jüngsten Schriften. Die ältesten und die jüngsten der Heiligen Schriften enthalten die Aus­sagen vieler verschiedener Meister. Sie sind ein "Schatzhaus" der Spiritualität.

Dann las ich natürlich auch andere Schriften. Ich ging in eine Missionsschu­le, und so kam ich mit der christlichen Lehre in Berührung. Aber was man dort sagte, verstand ich nicht. Mir schienen die Lehren ganz klar zu sein, aber viel­leicht waren sie denen, die sie predigten, nicht so klar. Sie sagten: "Ihr müsst in Christus geboren werden." Ich fragte: "Wie kann ein Mensch in einem Men­schen geboren werden?" Eine Frage des gesunden Menschenverstandes! – Oder: "Gott ist Licht." Und sie sagten: "Ja, das bezieht sich auf den Verstand. Gott gab uns den Verstand, um Ihn zu begrei­fen."

Dann las ich andere Schriften, die der Moslems und der Hindus – was ich auch immer in die Hände bekommen konnte. Alle sagten das gleiche: "Es gibt Gott. Wenn ihr Gott sehen wollt, dann setzt euch zu den Füßen von jemandem, der Gott gesehen hat – der Ihn nicht nur gesehen hat, sondern fähig ist, auch uns Gott sehen zu lassen." Das findet ihr bei Christus. Er sagte: "Der Sohn kennt den Vater, und auch jene, denen es der Sohn offenbart." Die Sohnschaft (Got­tes) besteht immer. Die Literatur und die Heiligen Schriften des Islam sagen uns das gleiche: "Ihr müsst jemanden finden, der euch hilft, Gott zu erreichen." Auch die Hindu-Schriften sind voll von diesen Aussagen. In jeder Schrift könnt ihr sie finden.

Als ich mich nun umsah, fand ich na­türlich sehr viele Meister. Zu welchem sollte ich gehen? Wir waren drei Brüder. Zwei von uns halfen sich gegenseitig: "Du sagst es mir, wenn du einen Gott­menschen findest, und ich sage es dir!" Ihr seht, wir waren auf der Suche. Viele Meister halten Versammlungen ab. Ei­nes Tages schrieb mir mein Bruder: "Ein ganz großer Mann ist hier, ein ganz gro­ßer Meister ist gekommen. Möchtest du ihn sehen?" Ich fuhr zu ihm hin und fragte ihn: "Ich erlebe eine Berauschung in mir, die Tag und Nacht andauert; doch manchmal, nach drei, vier oder fünf Monaten, hört sie für einen oder zwei Tage auf. Das verstehe ich nicht. Könnt ihr mir da helfen?" Und was sag­te er: "Du musst alles – Körper, Gemüt und Seele – mir übergeben. Nur dann kann und werde ich dir helfen." Ich dachte: "Er ist auf meinen Körper und Besitz aus, und ich soll ihm meinen Ver­stand und alles andere blindlings überge­ben." Ich erwies ihm meine Ehrerbie­tung und fuhr nach Hause zurück.

Nun, ihr seht – Hingabe entwickelt sich nur, wenn man erkennt, dass je­mand kompetent ist. Ergebenheit, seht ihr, jemanden zu lieben, das ist etwas an­deres. Wenn ihr euch völlig hingebt, ist der, dem ihr ergeben seid, in eurer Macht: Er muss für euch sorgen.

So zogen viele an mir vorüber. Ich ging auch oft zu einem, der sehr gottbe­rauscht war. Doch er lebte auf eine Wei­se, dass niemand es wagte, ihm nahezu­kommen. Wir trafen uns immer mit all unseren Freunden am Abend im Freien und redeten miteinander: "Gibt es einen Gottmenschen, zu dem wir gehen kön­nen?" Ich sagte ihnen: "Ich bin einem Mann begegnet, der gottberauscht ist, aber das ist eine harte Nuss zu knacken."

Ihr werdet manche finden, die gottbe­rauscht sind, aber sie werden euch nicht nahekommen lassen. Hier habt ihr das Vorrecht, (mit mir) zu sprechen, zu fra­gen, Gegenfragen zu stellen und zu kriti­sieren; dieser Mann ließ das nicht zu. Nun, so erzählte ich meinen Freunden etwas über ihn. Auch unser Meister (Baba Sawan Singh) erwähnte ihn öfter, und er traf sich auch mit ihm; sein Name war Baba Kahan. Er lebte fast unbeklei­det an einem Platz wie in der Wildnis und hatte immer ein Feuer brennen; und wenn es heiß war, fachte er es noch mehr an. Ich sagte ihnen: "Er hat eine gewisse Berauschung erlangt." Wer auch zu ihm ging, den beschimpfte er. Wer dann nicht fortging, den schlug er. Doch er hatte etwas: Auch wenn er die Leute be­schimpfte, blieben sie bei ihm, selbst wenn er sie manchmal schlug. Doch das, wofür sie hingingen, bekamen sie.

Damals ging ich noch zur Schule. Ich besuchte ihn regelmäßig. Er saß halbnackt auf einer Plattform. Ich stand dort und sah zu, wie die Leute, die er be­schimpfte, weggingen. Ich blieb, bis alle gegangen waren. Dann rief er mich: "Nun, Sardar, was willst du?" Ich ging zu ihm: "Ich kam nur, um dich zu se­hen." "Nun gut, dann geh' wieder!"

So war meine Beziehung zu ihm. Ich sagte zu einem Freund, der nach ihm fragte: "Er hat etwas, doch er ist sehr schwierig, bedenke das." Es ist die Spiri­tualität. Das ist etwas äußerst Kostbares. Wer ist bereit es euch zu geben?

"Nun gut. Was soll ich tun?" "Geh zu ihm und bleib über Nacht dort. Auch wenn er etwas sagt oder dich beschimpft, mach' dir nichts daraus." Er ging zu ihm und blieb über Nacht dort. Nach drei­undzwanzig oder vierundzwanzig Uhr beschimpfte ihn Baba Kahan und schlug ihn mit den Fäusten. Da rannte er da­von. Am nächsten Tag trafen wir uns al­le wieder, und ich fragte meinen Freund: "Wie kamst du mit ihm zurecht?" "Oh, er beschimpfte mich und schlug mich mit den Fäusten." "Nun, mach' dir nichts daraus", sagte ich. "Er hat etwas. Mach dir nichts daraus – geh' zu ihm!" Am nächsten Abend ging er also wieder zu ihm. Anstatt ihn nur mit Fäu­sten zu schlagen, nahm Baba Kahan nun ein brennendes Stück Holz und schlug ihn damit. Da lief er fort. Am folgenden Tag schlug er ihn nicht mit dem Holz, sondern tauchte ihn in den Brunnen. Und wieder lief er fort. Am dritten Tag fragte ich ihn, was geschehen sei. "Nun ja", sagte ich, "aber mach' dir nichts daraus – er hat etwas. Er hütet diesen Schatz. Er will es dir nicht so leicht ge­ben. Mach' dir nichts daraus, und wenn er dich tötet – mach dir nichts daraus!" So ging er auch in der dritten Nacht zu ihm. Wie gesagt, fügte Baba Kahan ihm mit einem brennenden Holz eine kleine Wunde zu; doch er lief nicht fort. Nachts um ein Uhr, fragte ihn Baba Ka­han: "Was willst du denn? Warum kommst du zu mir?" Er antwortete: "Oh Meister, gebt mir bitte etwas!" Und so ließ er ihn den Tonstrom hören. Man­che Menschen haben diese Gabe, doch sie hüten es streng. Sie geben es nicht weiter.

So setzte ich meine Suche fort. Ich be­tete immer wieder: "Oh Gott, ich bin da­von überzeugt, dass Dich niemand ohne einen, der Dich erkannt hat, erreichen kann." Das ist eine praktische Sache, ei­ne Sache der Selbstanalyse. Man kann Gott nicht durch die äußeren Sinne, die Lebenskräfte (Pranas) oder durch den Verstand erkennen. Es ist eine Sache des Sehens: Wer sieht, der kann euch sehend machen. "Ich weiß um die Notwendig­keit (eines Meisters) – da gibt es keinen Zweifel; alle Heiligen Schriften sagen es. Ich bin völlig überzeugt, doch wohin soll ich gehen? Und falls ich zu einem gehe, der Dich nicht erkannt hat – was wird dann aus mir?" So betete ich. "Wenn Du Dich den Heiligen in der Vergangen­heit offenbaren konntest" – es gibt sol­che Berichte – "warum dann nicht auch mir? Ich habe keine Zweifel und halte ei­nen Meister für äußerst notwendig; doch es gibt so viele Meister – zu wem soll ich gehen?" Da begann mir mein Meister (Baba Sawan Singh) zu erscheinen, wenn ich in Meditation saß oder etwas anderes tat. Ich dachte, er sei vielleicht Guru Nanak. Und er sprach zu mir. Es war zur Zeit des ersten Weltkrieges, und mein Bruder kämpfte an der indischen Front in Persien. Ich begleitete ihn im Inneren zu diesen Orten, hier, dort und überall hin.

Ich liebte Flüsse, Teiche und über­haupt das Wasser sehr. Auch als ich noch jung war, ging ich gerne zu einem Gewässer oder an einen Fluss, setzte mich an einen ruhigen, stillen Ort und blieb dort die ganze Nacht. Fließendes Wasser hilft ein wenig bei der Konzen­tration. Das machte ich längere Zeit so. Währenddessen arbeitete ich erst in Peshawar; dann wurde ich nach Nowshera versetzt, das an einem Fluss liegt. An die­sem Fluss saß ich oft stundenlang. Dann kam ich in die Gegend von Jhelum. Das liegt auch in der Nähe eines Flusses, und dort saß ich viele Stunden ohne Unter­brechung. Ich schwamm auch sehr ger­ne. Geht einfach ins Wasser des Flusses hinein, habt keine Angst – nur die Angst tötet euch. Wenn ihr einfach Füße oder Hände bewegt, geht ihr nicht unter.

Dann wurde ich nach Lahore versetzt – das liegt auch an einem Fluss. Dort verbrachte ich meine Tage. Und dort war auch der Beas-Fluss: "Den möchte ich sehen!" An einem Sonntagmorgen nahm ich den Zug und stieg an der Bahnstation bei Beas aus. Dort traf ich einen alten Mann, er war der Bahnhofs­vorsteher. Ich fragte ihn nach dem Weg zum Fluss. Er war ein Ergebener des Meisters: "Möchtest du den Meister se­hen?" "Lebt hier ein Meister?" "Ja!" "Wo?" "Dort am Flussufer!" Ich sagte zu ihm: "Nun bekomme ich gleich zwei Dinge. Ich werde mich an der Flusslandschaft freuen und gleichzeitig den Mei­ster sehen." Dann zeigte er mir den Weg. Der Meister saß gerade oben in seinem Zimmer und nahm seine Mahlzeit ein. Ich ging hinaus ins Freie und setzte mich nieder. Nach etwa einer halben Stunde kam er zu mir heraus. Ich war zutiefst überrascht: Er war es, der mir in den vergangenen sieben Jahren, von 1917 bis 1924, im Inneren erschienen war. Ich er­wies ihm meine Ehrerbietung: "Warum so spät?" Er sagte: "Das war die gün­stigste Zeit für dein Kommen."

So begegnete ich dem Meister. "Der Guru erscheint, wenn der chela (Schüler) bereit ist" – selbst dem größten Zweif­ler. Vielleicht war keiner von euch so skeptisch wie ich. Versteht ihr, ich hatte Angst, an jemanden zu geraten, der Gott nicht erkannt hatte, und so wäre mein Leben verloren gewesen.

Wenn ich zu ihm ging – ich ging ein­mal oder zweimal in der Woche zu ihm, und auf jeden Fall am Sonntag – warte­te er auf mich, wie ein Vater seinen Sohn erwartet: "Macht ihm ein Zimmer zu­recht, richtet ihm sein Bett", er ordnete dies und jenes an. Ich bat ihn: "Oh Mei­ster, sorgt euch nicht um mich, ich bin hier, zu euren Füßen." Als ich das aller­erste Mal bei ihm war, äußerte er folgen­de Worte:  "Gut, nun musst du dich um die Dera (den Ashram) kümmern, das ist deine künftige Aufgabe. Sorge für die, die hierher kommen." Als ich das nächste Mal bei ihm war, gab er ge­rade Initiation – Anfang Februar – und alle saßen bei der Initiation. Der Meister sagte zu mir: "Setz' dich drinnen hin." Ich kam, er gab da draußen die Initiation, und ich saß drinnen in seinem Zimmer. So wurde ich initiiert! Ich war­tete auf ihn – vielleicht lässt er mich ru­fen – oder was sonst? Ich wagte nicht, mich zu bewegen, weil er mich nicht rief, und saß dort drinnen. Dann kam er zu­rück. Ich fragte ihn: "Würdet ihr mich bitte initiieren?" "Oh ja, gewiss!" Das Mysterium des Lebens: Was ist der Mensch, was ist die Seele? – war in ei­nem Augenblick gelöst.

Die Befähigung eines Meisters besteht darin, dass er euch eine Erfahrung geben kann. Manche sagen: "Geht dorthin. Hier habt ihr Karten, die euch den Weg zeigen. Nehmt diese Straße", oder: "wendet euch nach rechts, dann links", und dergleichen. Manchmal müsst ihr stundenlang suchen, und doch findet ihr den Weg nicht. Aber ein Meister ist, wer euch eine Erfahrung gibt, mit der ihr be­ginnen könnt, der euch im Innern er­scheinen und den dunklen Schleier besei­tigen kann, wenn er euch zur Meditation sitzen lässt; und dann könnt ihr die Wahrheit seiner Worte bezeugen. Ihr braucht nicht viele Jahre oder bis nach dem Tod zu warten. Er sagt euch nicht: "Macht nur so weiter, mit der Zeit wer­det ihr eine Erfahrung erlangen." Wie ihr seht, sagen das die meisten Lehrer: "Meditiert nur regelmäßig. Die Rück­wirkungen der Vergangenheit werden euch helfen." Doch die Kompetenz des Meisters besteht darin, dass er fähig und kompetent ist, dem Gebildeten und dem Ungebildeten gleicher weise – jedem Mann von der Straße – eine Erfahrung zu geben.

Als unser Meister ein Meister wurde – ich meine, als er die Aufgabe des Mei­sters übernahm (er war ein Meister, aber er übernahm die Aufgabe des Meisters) – gab es eine Auseinandersetzung (um die Nachfolge). Doch wenn ihn andere fragten: "Warum und wieso konntest du Meister werden?", blieb er immer höf­lich und demütig. Er ließ sich nie auf Auseinandersetzungen ein. Wenn sie ihn dann immer noch bedrängten, sagte er: "Gut, holt euch fünf oder sechs Leute von der Straße, lasst sie zur Meditation sitzen und gebt ihnen eine Erfahrung. Ich werde mir auch ein paar holen, und dann werden wir sehen, wer sie geben kann." Das ist alles: das höchste Ziel aufzuzeigen – und etwas zu geben, da­mit man (dieses Ziel) erreicht. So bin ich also dem Meister begegnet.

Wenn mich Leute fragen: "Wann ha­ben Sie Geburtstag?", sage ich ihnen: "Ich habe drei Geburtstage: der erste war, als ich in den Körper geboren wur­de; der zweite, als ich meinen Meister im Inneren sah, sieben Jahre bevor ich ihn traf; und der dritte, als ich ihm physisch begegnete."

Das sind Gottes Gaben. Ich hatte große Angst, zu einem Meister zu gehen, da sie einem im allgemeinen einfach sagen: "Lest weiter die Heiligen Schriften." Das ist in Ordnung; das ist der erste Schritt. Aber ihr könnt die rechte Bedeu­tung der Schriften nicht erkennen, wenn ihr nicht jemandem begegnet, der diese Erfahrung selbst hat: Er allein ist fähig, euch eine Erfahrung zu geben und euch das rechte Verständnis für die wahre Be­deutung der Schriften zu vermitteln. Denn was sind die Heiligen Schriften? Es sind wunderbare Aufzeichnungen der Erfahrungen, die die Meister in ihrem Leben machten. Dann kommt die Durchführung des einen oder anderen Rituals: Das ist zur Bereitung des Bo­dens ganz in Ordnung. Doch Sehen ist etwas anderes. Es ist nur möglich, wenn man sich selbst analysiert, wenn man sich über das Körperbewusstsein erhebt und bezeugt, dass dort Licht ist. Ein Mei­ster wird auch definiert als derjenige, der die Musik der Sphären hörbar machen kann. Wer kann euch das Licht und die Musik der Sphären geben? Was ist dieses Licht und dieser Ton? Sie sind die zwei Aspekte der sich zum Ausdruck bringen­den Gotteskraft. Gott hat keinen, der Ihm gleich ist, keinen Vater, keine Mut­ter – nichts dergleichen. Nur wer das personifizierte Wort ist, kann euch am allerersten Tag eine Erfahrung jener Kraft geben. Selbst ein Blinder besitzt das innere Auge, das man das Einzelau­ge nennt. Die Heiligen Schriften sagen uns: "Wenn dein Auge einfältig ist, wird dein ganzer Leib Licht sein ..." – "Wenn ihr die Türen des Körpertempels schließt, dann seht ihr des Himmels Licht." Dieses Auge wird das Einzelauge oder das Verborgene Auge oder Shiv Netra genannt; es gibt so viele Namen dafür.

Das sind die grundlegenden Lehren, die uns in Verbindung mit der Wirklich­keit bringen. In der Philosophie geht es um Theorien. Aber hier geht es um das, was man Mystik nennt: Sie gibt euch ei­ne Verbindung zu der Wirklichkeit – der Wirklichkeit, die sich zum Ausdruck brachte. Psychologie liegt auf der Ver­standesebene. Doch dies liegt nicht auf der Ebene des Verstandes, hier erreicht man nur dann etwas, wenn der Verstand zum Schweigen kommt. In der Psycho­logie und in der Philosophie habt ihr zweierlei: den Betrachter und den Ge­genstand der Betrachtung. Doch in der Mystik gibt es keine Dualität: Ihr habt eine direkte Verbindung mit der Gottes­kraft in ihrer offenbarten Form. Je mehr ihr euch vom Äußeren loslöst, je mehr ihr auf ein ethisches Leben achtet, um so mehr kommt ihr mit dieser Kraft in Ver­bindung. Und sie wird euch wie ein elek­trischer Aufzug dorthin bringen, von wo sie ihren Ursprung nahm.

Gott brachte sich aus dem wortlosen Zustand als Licht und Ton zum Aus­druck: "Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns." Diese Kraft, die sich in einem menschlichen Pol offenbart, wird Gotteskraft, Meisterkraft oder Gurukraft genannt. Sie wird auch als Chri­stuskraft bezeichnet: Christus lebte vor Jesus, bedenkt das, und wird immer le­ben! Das sagt Johannes. Doch wir denken immer nur (oberflächlich) über die Heiligen Schriften nach, und verstehen nicht, worum es tatsächlich geht. Be­ginnt einmal einer mit etwas Falschem, folgen ihm andere blindlings.

Wie viele gibt es, die euch eine direkte Erfahrung geben können? Sie sagen viel­leicht: "Gut, meditiert weiter!", und ei­nige mögen Erfahrungen erhalten, ande­re aber nicht. Darin liegt die Kompetenz: in Gott in ihm, und nicht in seiner Eigen­schaft als Mensch.

Jemand fragte unseren Meister: "Wie sollen wir euch anreden?" Er antworte­te: "Betrachtet mich als euren Bruder, euren Vater, euren Freund, euren Leh­rer. Doch lebt nach dem, was ich euch sage. Wenn ihr euch über den Körper er­hebt und Ihn auch im Innern findet und Er auch dort kompetent ist, euch zu füh­ren, dann könnt ihr mich nennen wie ihr wollt."

So sagen alle Meister: "Sucht Zuflucht zu den Füßen einer solchen Persönlich­keit, in deren menschlicher Gestalt die Gotteskraft wirkt, die dich führen kann, solange du im Körper bist, aber auch, wenn du den physischen, astralen und kausalen Körper überschreitest. Suche Zuflucht zu Füßen eines solchen Mei­sters!"

Wie viele dieser Art gibt es? In der Vergangenheit waren es nur wenige, und auch jetzt sind es wenige. Ich wünschte, es wären Hunderte und Tausende, dann gäbe es keine Konflikte.

Als mein Meister den Körper verließ, musste ich in die Wildnis gehen. So lebte ich fünf bis sechs Monate im Dschungel und an abgeschiedenen Orten. Ich ging nach Rishikesh, der Heimat der Hindu-Theologie, könnte man sagen. Shivananda, der inzwischen gestorben ist, leb­te dort und auch viele andere Yogis. Ich kam dorthin und lebte im Dschungel auf der anderen Seite des Flusses. Ich kam mit allen zusammen. Alle waren sie intel­lektuelle Ringer, Debattierklubs, und al­le befassten sich mit dem allerersten Schritt: Wie man betet, wie man be­stimmte Zeremonien und Rituale aus­führt. Die meisten von ihnen machten Hatha-Yoga. Nun, mit allem Respekt – das hält natürlich den Körper fit, inso­fern ist es in Ordnung.

Einer lebte dort mit dem Namen Raghuvacharya. Er ist jetzt ein alter Mann, ich denke, hundertsechs oder hundertsieben Jahre alt, aber er läuft herum wie sonst kaum jemand. Als ich ihn besuchen wollte, sagten die Leute zu mir: "Ach, er kümmert sich sowieso um niemanden!" Als ich ungefähr hundert oder hundertfünfzig Meter entfernt war, sah ich ihn. Er saß auf seinen Füßen. Er schaute zu mir her und stand auf. Die Leute sagten: "Das ist sonderbar! Nie­mals hat er jemanden beachtet, nun steht er sogar auf!" Er kam auf mich zu und begrüßte mich, und wir unterhielten uns. Und im Gespräch zeigte sich, dass er in die erste Ebene gehen konnte, nach Sahasrar. Ich fand nur einen einzigen Men­schen, der den Körper überschreiten und in die erste Ebene gehen konnte. Er sag­te: "Indem ich alle Shastras, Veden und Upanishaden durchstudierte, konnte ich das kennenlernen, wovon ihr aus euch selbst heraus sprecht!"

Das ist die Gnade des Meisters. Die Meister geben euch die Essenz allen Wis­sens, und das wird Para Vidya genannt. So fand ich dort also nur einen einzigen! Die Welt ist nicht ohne solche Men­schen, doch in der Vergangenheit waren es immer wenige und auch jetzt sind es nicht viele. Ihr werdet feststellen, dass die meisten einfach nur sagen: "Lest dieses Mantra, dieses Shabad, diese Heilige Schrift täglich!" Sie werden einfach eine Zeremonie auf diese Art oder ein Gebet auf jene Art ausführen, indem sie Ker­zen anzünden oder Glocken läuten – was auch immer der Brauch ist. Jeder hat seine eigenen Zeremonien und Ritua­le. Das ist gut, beten ist etwas sehr Gu­tes: Ein Gebet, das aus dem Herzen her­vorbricht, wird von Gott gehört, und Er trifft Vorkehrungen, euch zu Ihm zu bringen. Andere geben euch Anweisun­gen, wie man seinen Körper gesund er­halten kann. Das ist gut, aber es ist nicht Spiritualität, es ist ein hilfreicher Faktor in der Spiritualität. Manche lehren euch, wie ihr euer Leben verlängern könnt – das ist auch recht. Manche zeigen euch, wie man andere Menschen mesmerisiert, wie man sie hypnotisiert, wie man die Gedanken anderer lesen kann. All das hat mit Spiritualität nichts zu tun. Wie viele gibt es, die euch wirklich eine Er­fahrung geben, wie man sich über das Körper bewusst sein erhebt?

Das ist also der Stand der Dinge. Ich würde mich freuen, gäbe es Hunderte und Tausende von denen, die (die Wirk­lichkeit) sehen. Wenn sie (die Wirklich­keit) sehen, warum setzen sie sich nicht zusammen? Wenn alle Menschen Ihn kennen, gibt es keine Frage von Eifer­sucht, keine Frage der Konkurrenz. Sie werden zu Brüdern, sie umarmen sich gegenseitig. Allein die Tatsache, dass sie einander nicht begegnen wollen, zeigt, dass sie Ihn nicht erkannt haben. Jeder bläst in sein eigenes Horn: "Ich bin der Höchste!" Und was machen sie? Sie sa­gen uns einfach: "Stellt euch dieses Ge­sicht vor!" Für kurze Zeit bekommt ihr natürlich etwas, denn dabei entsteht eine gewisse Konzentration. Doch was wird aus euch? "Wie ihr denkt, so werdet ihr!" Ist das nicht gefährlich? Es ist äu­ßerst gefährlich! Das ist der Grund, wes­halb ich niemals zu Visualisation rate. Wenn ihr euch einen wahren Menschen vorstellt, ist das in Ordnung. Ansonsten werdet ihr euer Ziel völlig verfehlen. Und diese Dinge geschehen in der Welt.

Das erste, würde ich sagen, was ein Meister tun wird, wenn er einem anderen Meister begegnet, wird sein, dass er ihn umarmt. Er wird sich freuen! Für ihn gibt es keine Frage von hoch oder nie­drig.

Es gibt eine Begebenheit in meinem Leben, als mein Meister Baba Sawan Singh einem Schüler von Rai Saligram, Shivbrat Lal, begegnete. Er war eine sehr entwickelte Seele. Als sie sich das erste Mal begegneten, war ich dabei. Er verbeugte sich vor meinem Meister, und mein Meister verbeugte sich vor ihm. Sie umarmten sich. Warum sollten die, die auf dem Weg sind, sich nicht umarmen? Warum sollten sie sich nicht freuen? Al­lein die Tatsache, dass einer dem anderen nicht begegnen will, zeigt, dass jeder sei­ne eigene Sache macht – Gott haben sie nicht gesehen, sage ich euch.

Manchmal bin ich sehr geradeheraus, bei aller Achtung. Wenn sie dasselbe ge­sehen haben, wo bleibt dann hoch und niedrig? Ich sehe Gott in euch, ihr seht Gott in mir, so ist es richtig!

Bitte geht also zu jemandem, der euch etwas geben kann. Was gibt es sonst für einen Beweis? Ihr müsst ihn im bewussten Zustand erhalten, nicht durch Mesmerismus oder Hypnose, denkt daran! Man­che sagen, (bei der Initiation) sei es auch Hypnose – doch dann würden alle die­selbe Erfahrung haben. Jeder Mensch hat seinen eigenen inneren Bewusstseinszustand. Sie sehen, sie erheben sich über den Körper, sie sehen Licht, und jeder hat seine eigene Erfahrung. Das ist die Wahrheit – ohne zu übertreiben. Das sind Tatsachen, wie sie von allen Mei­stern gegeben werden.

Ich möchte euch noch etwas aus mei­nem Leben erzählen. Ich las sehr gerne Biographien, schon als Schüler. Ich glaube, ich habe mehr als dreihundert Lebensbeschreibungen von Heiligen im Osten und Westen gelesen. Das erste Buch, das mir in die Hände fiel, als ich im siebten Schuljahr war, war die Le­bensbeschreibung eines Heiligen mit dem Namen Ramanuj. Was las ich dort? Dort stand, dass Ramanuj zu einem Mei­ster ging, der ihn initiierte. Danach stell­te sich Ramanuj auf einen Hügel und rief alle Leute zusammen. Sie fragten ihn: "Was hast du vor?" "Ich habe et­was erhalten und das werde ich euch ge­ben!" "Oh, du übertrittst die Anweisun­gen deines Meisters!" Ohne die Erlaub­nis seines Meisters hätte er das nicht tun sollen. "Macht nichts! Ich werde in die Hölle kommen – aber ihr werdet erlöst werden! Um euretwillen werde ich in der Hölle leiden, aber immerhin werdet ihr die Erlösung erlangen. Mir macht das nichts aus!" Als ich das las, kam mir der Gedanke: Wenn ich das einmal erlange, werde ich es an alle austeilen. Doch zum Glück verteile ich es auf Anweisung mei­nes Meisters, nicht ohne Erlaubnis! Und es ist Seine Gnade, die wirkt, sage ich euch. Nicht einmal für einen Augenblick träume ich davon, dass ich etwas tue: Er ist es, der alles tut. Manche Menschen fragen mich: "Du hast uns initiiert. Warum erscheint dann Dein Meister mit Dir zusammen oder auch ganz allein?" Was soll ich ihnen antworten? Sagt mir! Ich sage ihnen: "Es mag sein, dass Er in mir ist." Das ist alles, was ich ihnen wirklich sagen kann. Diese (strahlende Form) erscheint selbst denen, die Seine physische Form niemals gesehen haben, ohne dass sie (etwas) visualisieren. Sie haben Ihn nie gesehen, sie erkennen Ihn anhand von Fotos.

So liegen die Dinge richtig. Dies ist ein Gespräch auf der Ebene des gesunden Menschenverstandes: Es geht nicht um Schlussfolgerungen, es ist keine intellek­tuelle Auseinandersetzung. Ich wünsche mir, alle würden zusammenkommen und sich umarmen und über das sprechen, was sie möchten. Warum gehen so viele Gruppen verschiedene Wege? Der eine führt hierhin, der andere dahin. Lasst alle sich zusammensetzen und ver­stehen und lehrt das Höchste. Warum sollten sie ihr ganzes Leben und das der anderen damit verschwenden, nur die al­lerersten Schritte auszuführen? Natür­lich hat alles seinen eigenen Wert, und ihr mögt den besten Nutzen daraus zie­hen. Doch dies ist das Höchste. Das Le­ben ist kurz, und (ich habe gerade er­zählt), wie ich es erhalten habe und wie mir mein Meister auftrug, es euch zu ge­währen, so dass ihr es weitertragen könnt. Schafft eine gemeinsame Grund­lage für alle! Doch alle "Meister" sagen das nicht, sie sagen: "Führt diese Linie weiter!" Doch die Wahrheit ist nicht das Vorrecht einer Religion, eines Landes oder einer Familie, jeder Mensch hat Anrecht auf sie. Ihr könnt sie dort erhal­ten, wo sich diese Kraft offenbart. Doch was tun die Menschen? Wenn ein Mei­ster da ist, dann versuchen seine Ange­hörigen, die Meisterschaft in der Familie zu halten. Entschuldigt, bei allem Re­spekt allen gegenüber – sie wollen die Meisterschaft in dem Haus und in dieser Familie halten, denn es wird zu einer Quelle des Einkommens, sage ich euch. Versteht ihr?

Das ist also das Ergebnis. Der Sohn mag sein wie der Vater: Es muss aber nicht notwendigerweise so sein. Wenn es so ist, gut und schön; das ist das Kriteri­um: Geht dorthin, wo ihr etwas be­kommt! Motten fliegen dahin, wo Licht brennt.

Das ist also die Ursache dafür, dass es so viele Religionen gibt. Sie werden ein­fach zu Gruppierungen. Das führt zum Stillstand, und Stillstand führt zu Ver­fall.

Es gibt nur eine Wahrheit. Sokrates wurde gefragt, ob er Plato liebe. Er anwortete: "Ich liebe Plato. Doch die Wahrheit liebe ich mehr als Plato." Ver­steht ihr? Wir sind auf der Suche nach der Wahrheit. Und so ist die Wahrheit – wo ihr die Wahrheit findet, dort geht hin. Was sagte unser Meister? "Was euch gegeben wurde, ist die Wahrheit. Wenn ihr irgendwo mehr als das findet, kommt und sagt es mir: Ich werde auch dorthin gehen!"

Wir verehren die Wahrheit, nicht (ir­gendwelche) Persönlichkeiten, dieses oder jenes. Wenn ihr die Wahrheit hier findet oder auf der Straße, am Fluss oder an irgendeinem Ort, wo viele Menschen sind, dann geht dorthin! Ihr mögt sie selbst bei einem Schuster finden. Die Ge­schichte zeigt, dass es einen Heiligen gab, Ravidas, der Schuster war. Er flickte Schuhe. Und Mirabai, eine Prinzessin, kam zu seinen Füßen. Was machte er? Er hatte eine kleine Hütte, und natürlich verdiente er sich das Geld für seinen Le­bensunterhalt. Sie schenkte ihm einen Rubin und sagte: "Hier ist ein Rubin, bau dir ein schönes Haus davon!" "Oh, ich brauche ihn nicht!" Aber sie bestand darauf. "Gut, leg ihn, wohin du willst!" Sie legte den Rubin irgendwohin. Nach sechs Monaten kam sie wieder. Immer noch flickte Ravidas Schuhe. Sie sagte: "Ich habe dir doch einen Rubin da gelassen!" "Ach, der wird noch dort sein, wo du ihn hingelegt hast!" Die Wahrheit verlässt die, die hinter Geld her sind. Es gibt nur eine Wahrheit.

Kennzeichen eines Heiligen sind, dass er nicht etwas zur Schau stellt, nicht von Geschenken anderer lebt, seinen Lebens­unterhalt verdient, auf eigenen Beinen steht, anderen hilft und kein Geld für seine Lehren annimmt. So steht es in den Sikh-Schriften. Ansonsten wird es zum Geschäft.

Das ist die Essenz von dem, was ich in den Schriften fand, bei aller Achtung für alle. Ich habe Respekt für alle, selbst für die, die es anders machen. Allein durch die Liebe kann man jemanden ändern, nicht durch Hass oder Kritik. Wenn ihr zusammensitzt und Liebe für einander habt, werdet ihr euch natürlich gegensei­tig verstehen. Wenn ihr anderen etwas aufzwingen wollt: "Du hast recht! Du hast unrecht!", wird euch niemand zu­hören. Wahrheit bleibt Wahrheit. So kam ich also zu meinem Meister.