Wir alle sind Liebende, Ergebene einer höheren Kraft, tausende von Liebenden, aber der Geliebte ist einer für alle. Er, nach dem wir uns sehnen, ist der Geliebte der ganzen Welt. Es gibt nicht einen speziellen Gott nur für Muslime, nur für Hindus, nur für Christen, Er ist der eine Gott für alle.

Sant Kirpal Singh

Geschrieben von Sant Kirpal Singh, 1973

Sant Kirpal Singh

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Die große, weite Welt ist das Haus unseres Vaters, und die verschiedenen Länder sind die vielen Räume darin. Der Mensch ist das höchste in der ganzen Schöpfung. Wir alle sind Angehörige der einen Familie Gottes. Tiere, Vögel und Reptilien sind wie die jüngeren Mitglieder der Familie Gottes. Ob vom Osten oder Westen spielt keine Rolle – wir alle sind Kinder Gottes, auf dieselbe Art und Weise geboren, von Gott mit denselben Rechten ausgestattet. Da die Seele von derselben Essenz wie Gott ist, sind wir alle Brüder und Schwestern in Gott; und die eine gleiche Kraft, die wir verehren, wird mit verschiedenen Namen bezeichnet.

Der menschliche Körper ist die goldene Gelegenheit, in der wir Gott erkennen können. Er kann nicht durch die nach außen gehenden Sinneskräfte, das Gemüt oder den Intellekt erkannt werden. Es ist die Seele, die von derselben Essenz wie Gott ist, die Gott erkennen kann. So müssen wir also zuerst uns selbst erkennen, da nur Gleiches, Gleiches erkennen kann.

Daher verkündeten alle Philosophen und Weisen aus dem Osten und Westen in der Sprache, wie sie zu ihrer Zeit gesprochen wurde: „Mensch, erkenne dich selbst. Die Griechen sagten: „Gnothi seauton“, die Lateiner „Nosce te ipsum“. Auch alle anderen sagten das gleiche: Selbsterkenntnis geht der Gotterkenntnis voraus.

Selbsterkenntnis kann man nicht auf der Ebene von Gefühlen, Emotionen oder Schlussfolgern erlangen. All das unterliegt dem Irrtum. Sehen steht über allem; Sehen heißt glauben.

Wahre Selbsterkenntnis wird man durch Selbstanalyse erlangen oder indem man sich über das Körperbewusstsein erhebt. Zu Füßen eines Meisters erhält man eine Erfahrung davon.

Deshalb schärften alle Rishis aus alter Zeit den Kindern ein, „zweimal geboren“ zu werden: einmal die Geburt in den menschlichen Körper, und die zweite Geburt, indem man sich ins Jenseits erhebt. Als sie dann zum zweiten Mal geboren wurden, gaben sie ihnen das ‚Gayatri Mantra‘, das lautet: „Erhebt euch über die drei Ebenen und werdet eins mit der Sonne.“ Die Kinder bekamen eine Erfahrung davon und ihr „Div chaksu“ (Drittes Auge) wurde geöffnet, um das Licht der Sonne zu sehen. Dieser Brauch ist bei den Hindus auch heute noch üblich: die Kinder werden zum ‚zweiten Mal geboren‘, und es wird ihnen das ‚Gayatri Mantra‘ gegeben, aber sie erhalten keine praktische Erfahrung davon, da praktisch verwirklichte Menschen fehlen. Auch Christus sagte: „Es sei denn, dass der Mensch wiedergeboren werde, sonst kann er das Königreich Gottes nicht sehen.“

Der menschliche Körper ist ein wunderbares Haus, in dem wir leben. Der Körper funktioniert so lange wir in ihm sind. Es gibt neun Öffnungen im Körper. Aber wir können ihn nicht einfach verlassen. Wir werden im Körper durch eine Kraft kontrolliert. Wenn diese Kraft sich zurückzieht, müssen wir den Körper verlassen. Sowohl wir, als auch die Gotteskraft wohnen im Körper. Der Körper ist der wahre Tempel Gottes.

Die Hindutempel im Äußeren, Kirchen, oder andere heilige Orte wurden nach dem Modell des menschlichen Körpers geschaffen. Darin werden zwei Symbole Gottes aufbewahrt: es heißt, ‚Gott ist Licht‘ und ‚Gott ist Nada‘ oder die Musik der Sphären.

Wir wohnen also im Körper und auch Gott wohnt darin; beide befinden sich im gleichen Körper, aber sie sprechen nicht miteinander. Das Gemüt ist es, das uns im Weg steht, das zwischen uns und Gott steht. Den ersten Schritt, den wir machen müssen ist, das Gemüt zu kontrollieren, egal, welcher Gedankenschule wir angehören. Das Gemüt kann aber nicht durch Praktiken bei denen die nach außen gerichteten Sinne und der Intellekt mitwirken, kontrolliert werden. Es gibt nur eine Lösung um das Gemüt zu kontrollieren, und die liegt in euch. Das Heilmittel ist der wahre Nektar von ‚Naam‘: das ‚Wasser des Lebens‘ und das ‚Brot des Lebens‘, das in euch liegt. Wenn das Gemüt von diesem süßen Nektar kostet, lässt es alle äußeren Verhaftungen los.

Ihr müsst ein ‚Gurmukh‘ werden (ein Sprachrohr Gottes). Macht einfach das, was der Meister euch sagt, dass ihr tun sollt. Lebt zu hundert Prozent nach Seinen Anweisungen, dann werdet ihr schnell fortschreiten. Seid in Ihm eingepflanzt, dann werdet ihr was Er ist. So wie der heilige Paulus sagte: „Ich bin es, aber nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ Um diese Verwirklichung zu erlangen, ist die wahre Lebensweise notwendig. Die Wahrheit ist das Höchst, aber die wahre Lebensweise steht noch über der Wahrheit. Lasst alle weltlichen Dinge, die euch im Weg stehen, los. Lebt nach dem, was der Meister sagt und betet: „Oh Gott, nimm uns mit nach Hause, welchen Entschuldigungsgrund Du auch immer finden magst, denn wir sind es nicht wert, wir sind nicht bereit dafür. Allein Deine Gnade kann uns in Deine Heimat bringen.“