Wir alle sind Liebende, Ergebene einer höheren Kraft, tausende von Liebenden, aber der Geliebte ist einer für alle. Er, nach dem wir uns sehnen, ist der Geliebte der ganzen Welt. Es gibt nicht einen speziellen Gott nur für Muslime, nur für Hindus, nur für Christen, Er ist der eine Gott für alle.

Sant Kirpal Singh

Von Sant Kirpal Singh, 5. Februar 1974, während der Weltkonferenz zur Einheit des Menschen



Sant Kirpal SinghAlle Meister sagten: "Gott ist Licht, und wir alle sind Kinder des Lichts." Dieses ei­ne, gleiche Licht belebt die ganze Schöpfung. So, wie eine elektrische Glühbirne Licht gibt, wenn man den Schalter drückt, so belebt die Kraft Gottes die ganze Schöpfung. Wenn diese Kraft sich vom Körper zurückzieht, müssen wir ihn verlas­sen. Ihr seht also, dass wir Kinder des Lichts sind, und dieses Licht ist nur eines – nicht zwei. Diese eine Kraft – unsere Quelle und unser Erhalter – wird Gott ge­nannt, und Gott ist Licht.

Kabir erklärt, warum wir Gott nicht sehen können: "Wir können Ihn nicht sehen, solange wir mit den "Indriyas" – den nach außen gerichte­ten Sinneskräften – identifiziert sind. Erst wenn wir uns über sie erheben, können wir Ihn sehen."

Alle Meister sagen dasselbe. Kabir sagt in diesem Zusammenhang: "Ich sah das Licht, das alles durchdringt, in mir und in der ganzen Schöpfung, und all meine Zweifel waren beseitigt." Dasselbe sagt Lord Krishna in der Gita: "Wer mich in al­lem sieht und alles in mir, ist mir lieb." Ihr seht also, dass wir alle die Geschöpfe des einen Lichtes sind. Alle sind gleich. Keiner ist hoch, keiner ist niedrig. Alle sind auf die gleiche Art zur Welt gekommen. Bezweifelt das jemand? Wo ist dann die Duali­tät? Wenn ein Kind zur Welt kommt, sieht man ihm nicht an, ob es ein Hindu oder Moslem ist. Wenn beispielsweise ein Kind in einem Findelhaus, wo ausgesetzte Kin­der hingebracht werden, aufgenommen wird, trägt es kein Erkennungsmerkmal, an dem man sehen könnte, ob es ein hinduistisches oder ein mohammedanisches Kind ist. Es ist einfach ein Mensch – so wie Gott ihn geschaffen hat. Das ist eine Tatsa­che, über die man nicht erst lange nachdenken muss.

Wir sind also alle eins – das muss nicht erst bewiesen werden. Aber wir sind jetzt in einem Zustand, in dem wir uns so sehr mit dem Körper und den nach außen gerichte­ten Sinneskräften identifiziert haben, dass wir unfähig sind, Gott zu sehen – daher die Dualität. Physisch und intellektuell sind wir sehr fortgeschritten. Wir haben einen Körper und ein Gemüt, aber wir sind ein bewusstes Wesen – die Seele. Obwohl wir physisch und intellektuell so fortgeschritten sind, sind wir unglücklich, denn wir ken­nen unser wahres Selbst nicht, wir wissen nicht, dass wir Kinder des Lichts sind. Groß ist der Mensch! Einst wünschte das Höchste Wesen: "Ich bin Einer, ich möchte Viele sein", und durch diese Gedankenwelle kam die ganze Schöpfung ins Sein. Guru Nanak sagt: "Aus einer ewigen Quelle fließen zahllos viele Ströme."

Er ist alles Licht, und wir sind Kinder dieses Lichts. Wenn Er nur durch einen Wunsch, durch eine Gedankenwelle zahllos viele Planeten erschaffen kann, können wir – die wir bewusste Wesen und vom Wesen her Gott gleich sind – nicht eine Stadt erschaffen, wenn wir die Ströme unserer Seele von außen zurückziehen und in­nen sammeln? Alle Meister, die im Laufe der Zeit gekommen sind, sagten:

Oh Mensch, warum hängst du an den äußeren Dingen, wenn doch die Quelle aller Freude und allen Glücks in dir ist. Gott, der Höchste Vater, ist in dir. Beide, Vater und Sohn, leben im selben Haus, dem menschlichen Körper, aber du, der Sohn des Allmäch­tigen, wanderst nur außen umher, weil du dich mit den nach au­ßen gewandten Sinnen gleichgesetzt hast. Erhebe dich über das Körperbewusstsein!

Wie ich bereits sagte, haben alle Meister die Einheit des Menschen betont. Dazu muss man das Geheimnis, das der Körper birgt, ergründen und sich selbst erkennen. Das war der einzige Sinn all der Gemeinschaften, nach deren Sitten und Bräuchen wir jetzt leben. Wir haben den Sinn vergessen und hängen nur noch an den äußeren For­men. Ein und dasselbe Licht brennt in Tempeln, Moscheen und Kirchen. Welches ist besser oder schlechter? Warum all die Schwierigkeiten und Kämpfe? Wir haben zwar Achtung für Tempel, Moscheen und Kirchen, bekämpfen uns aber untereinander. Es liegt daran, dass uns rechtes Verstehen fehlt. Wir sind bereits eins, das muss nicht be­wiesen werden. Aber wir haben die Einheit vergessen. Wenn ihr eine Ersthand-Erfahrung der Einheit haben möchtet, geht zu einem Menschen, der sie in sich ver­wirklicht hat. Er wird euch auf den Weg stellen, der nach oben führt, und euch die praktische Erfahrung geben, dass wir alle eins sind – dass wir Kinder des Lichts sind. Er wird euer inneres Auge öffnen, und ihr werdet das Licht in euch sehen.

Was bedeutet Wissen? Der Gurbani, die heilige Schrift der Sikhs, sagt: "Wenn man mit Naam, der sich zum Ausdruck bringenden Gotteskraft, im Inneren in Verbin­dung kommt, sieht man das Licht von Millionen Sonnen." Dieses Licht ist in euch. Alle Meister sagen: "Gott ist Licht." Kabir sagte: "Zuerst hatte ich Zweifel. Als ich aber das Licht in allen sah, hatte ich keine Zweifel mehr." Warum dann der Kampf untereinander? Schlägt man zwei verschiedenfarbige Steine aneinander, so geben sie den gleichen feuerfarbenen Funken ab. Ob eine Kuh schwarz, braun oder rot ist, die Milch, die sie gibt, ist immer weiß. Auch wenn wir verschiedene Kennzeichen (die auf unsere Religionszugehörigkeit hinweisen) tragen, sind wir doch alle Kinder des Lichts. Nur – wir haben uns selbst vergessen. Die Meister kommen, um uns zu er­wecken, damit wir erkennen, dass wir alle eins sind. Diese Einheit müssen wir verwirklichen. Wir sind zuerst Menschen, die äußeren Unterscheidungsmerkmale ka­men erst danach, als wir Hindus, Mohammedaner, Christen, Buddhisten und Jains wurden. Die Unterscheidung von Ost und West kam auch noch dazu, und wir wur­den Vertreter unserer Länder und Nationen. Solange wir uns über all die äußeren Unterscheidungsmerkmale nicht erheben, können wir Gott nicht verwirklichen.

Auf meiner dritten Weltreise wurde ich in einem Fernsehinterview gefragt, wie man die Einheit festigen kann. Ich antwortete: "Wenn sich die Menschen über die Ismen und die äußeren Unterscheidungsmerkmale erheben und Könige und Präsidenten über ihre Länder." Die äußeren Formen und Glaubenskennzeichen weisen nur auf die Schule hin, der sich jemand angeschlossen hat, um sich und Gott zu erkennen. Die Meister prägten den Menschen nie einen Stempel auf. Das geschah erst, nachdem sie die Erde verlassen hatten und Institutionen geschaffen wurden, um ihre Lehre le­bendig zu erhalten, damit sie mehr Menschen nutzen konnte. Der Zweck einer sol­chen Gründung war immer edel, aber die Gewohnheiten, die zuerst gut waren, entar­teten, und so kam es im Laufe der Zeit zu Erstarrung und schließlich zu Verfall. Doch immer wieder kommen Meister, um die gleichen alten Lehren von neuem zu beleben. Sie sagen uns: Brüder, wacht auf! Ihr habt euch selbst vergessen – wie lan­ge wollt ihr denn noch schlafen? Sie sehen die Wirklichkeit im Innern und sprechen von dieser Ebene aus. Deshalb ist alles, was sie sagen, hundertprozentig wahr.

Äußeres Predigen ist gut und schön, aber solange man keine Ersthand-Erfahrung der Wirklichkeit hat, hat man keine echte Überzeugung. Bleibt in euren Gemeinschaften und haltet ihre Zeremonien und Vorschriften ein. Sie sind nur dazu da, uns vor Au­gen zu halten, dass wir das Ziel erreichen sollten, für das wir uns einer bestimmten Gemeinschaft angeschlossen haben, die den Namen des Meisters trägt, zu dem man sich bekennt und dem man nachfolgt. Einer Gemeinschaft anzugehören ist ein Se­gen, ohne diese gäbe es Korruption, doch sollte man sich vor dogmatischem Denken und Engstirnigkeit hüten, da diese zu Irrtum und Täuschung führen.

Der Hauptzweck dieser Weltkonferenz liegt darin, allen die Tatsache nahezubringen, dass wir bereits eins sind – das aber jetzt vergessen haben. Das ist die grundlegende Lehre aller Meister und auch aller Gemeinschaften, die entstanden sind, um die Leh­ren der Meister lebendig zu erhalten. Das höchste Wissen besteht darin, die uns ein­geborene Einheit zu verwirklichen. Die verschiedenen Gotteshäuser, in denen Gott verehrt wird – seien es nun die kuppelförmig gebauten Tempel, die dem menschli­chen Haupt nachempfunden sind, die Kirchen, die an die Konturen der Nase erin­nern (an deren Verlängerung das innere Tor zum Jenseits ist), die der Stirn nachgebil­deten Moscheen und andere mehr – alle sind nach dem Modell des menschlichen Körpers gebaut. Der menschliche Körper ist der wahre Tempel Gottes. Sie sollen ein­fach alle, deren inneres Auge nicht geöffnet ist und die somit die Wirklichkeit nicht sehen können, daran erinnern, dass dieses Licht in uns leuchtet und der Ton in uns er­klingt. Für die, die das zweifache Prinzip von Licht und Ton – die Offenbarung der sich zum Ausdruck bringenden Gotteskraft – erkennen, ist der Körper der wahre Tempel Gottes. Das kann man zu Füßen eines kompetenten Meisters erfahren, der Gott im menschlichen Körper erkannt hat.

Wir können das von den Meistern bekommen. Sie geben uns eine direkte Ersthand-Erfahrung, eine Verbindung mit der Wirklichkeit. Sie kommen, um die Menschen, die nicht sehen, sehend zu machen, denn die, die nur die äußeren Dinge sehen kön­nen, sind vielleicht blind. Aus Ihrer Sichtweise sind alle blind, die nur die äußeren, physischen Erscheinungen sehen. Merkt ihr das nicht selbst? Wäre euer Gemüt nur einen Moment lang ruhig und wären alle Gedanken besänftigt, würdet ihr diese be­drückende Blindheit empfinden. Paramhansa Ramakrishna erzählte einmal folgen­des Beispiel: Auf einem Baum sitzen viele Vögel. Wenn man in die Hände klatscht, fliegen sie alle fort. Das Reservoir unseres Gemüts ist gefüllt von den Samskaras – den Eindrücken unzähliger Inkarnationen. Vorhin haben einige Sadhus auf dieser Bühne Beifall geklatscht. Lasst uns in die Hände klatschen, damit alle Gedanken ge­löscht werden, außer dem einen, dass wir alle eins sind. Hat jemand darüber noch ei­nen Zweifel im Herzen? Wenn ja, dann sucht einen Meister auf, der die Einheit ver­wirklicht hat. Er wird eure innere Schau öffnen und euch fähig machen, selbst zu se­hen, wodurch sich all eure Zweifel auflösen.

Lasst uns alle zu Gott beten: Oh Herr, oh Allmächtiger Gott, wer Du auch immer bist, den wir mit verschiedenen Namen anrufen, nur durch Deine Gnade können wir aus dem tiefen Schlaf uralter Zeiten erwachen.

Kabir sagt das gleiche: "Wach auf, schlaftrunkenes Haupt, jetzt ist die Zeit zum Schlafen vorbei." Das ist die Lektion, die euch immer von neuem gegeben wird. Es ist die Botschaft für die ganze Welt und ein Heilmittel für alle Leiden, die wir jetzt haben.

Im Westen hat man mich gefragt: "Wie können wir die Katastrophe eines Atomkrie­ges verhindern?" Ich antwortete darauf: "Wenn Könige und Präsidenten sich über ihre Länder erheben." Daraufhin wurde ich gefragt, ob ich bereit sei, mit ihrem Prä­sidenten zu sprechen. Ich antwortete: "Was ich sagte, ist meine Überzeugung, und es würde mich freuen, mit eurem Präsidenten darüber zu sprechen." Ich wies darauf hin, dass man nicht nur den eigenen Garten pflegen sollte, sondern auch den anderen helfen sollte, ihre Gärten in voller Blüte zu erhalten. Es ist eine Sache des rechten Verstehens.

Rechtes Verstehen würde zu rechten Gedanken und rechte Gedanken zu rechten Worten und Taten führen. Bleibt in eurer eigenen Gemeinschaft, aber erhebt euch über das Körperbewusstsein, erhebt euch ins Universale, taucht ins Jenseits ein und wisst, dass ihr bereits eins seid. Zu diesem Zweck wurden euch diese drei Dinge vor Augen geführt. Es besteht keine Absicht, eine Gemeinschaft aufzulösen oder eine neue zu bilden. Die Meister greifen nicht in die bestehenden Institutionen der Gesell­schaft ein: Sie kommen nicht, um zu zerstören, sondern um zu erfüllen. Die Meister, nach denen die verschiedenen Gemeinschaften gegründet wurden, sind alle eins. Ihre Lehren sind ein und dieselben. Wie ich heute morgen schon sagte, lasst uns zu Gott beten, dass Er uns erweckt. Wer kann einen Menschen aus dem Schlaf wachrütteln? Gott oder der im Menschen offenbarte Gott – mit anderen Worten ein Gottmensch.

Ich habe Liebe und Achtung für euch alle, die ihr von Indien oder von weither ge­kommen seid. Die Lehren aller Meister, die im Osten oder Westen gekommen sind, sind die gleichen. Ich habe Liebe und Achtung in meinem Herzen für alle Meister, die kamen, die jetzt hier anwesend sind und die in Zukunft kommen werden. Sie werden immer wieder von Gott gesandt, um die Menschheit aus dem tiefen Schlaf der Engstirnigkeit und Engherzigkeit zu erwecken. Aus diesem Grund kam Guru Nanak und in jüngster Zeit Swami Vivekananda. Als er von seiner Amerikareise nach Indien zurückkehrte, erhob er beide Hände und rief: "Oh Hindus, oh Moslems, ihr gehört alle zu mir." Was ich euch sage, ist also nichts Neues. Ich möchte euch alle bitten, alles, was ihr hier gehört habt, überall dort, wohin ihr kommt, zu verbreiten. Ruft es von den Dächern, damit Glück und Friede auf die Erde kommt. Ich bete zu Gott, und betet ihr mit mir, dass Er uns Seine besondere Gnade gibt und es uns er­möglicht, eine Ersthand-Erfahrung der Wirklichkeit zu erhalten. Das Ideal, das vor uns steht, ist: Wir sind alle eins!