Diese Rede hielt Sant Kirpal Singh am 26. Februar 1965 in New Delhi, Indien, anlässlich der 3. WFR-Konferenz (World Fellowship of Religions).

Alle Religionen stimmen darin überein, dass Leben, Licht und Liebe die drei Aspekte des höchsten Ursprungs von allem sind, was existiert. Die wesentlichen At­tribute der Gottheit, die Eine ist, auch wenn sie von den Propheten und den Men­schen der Welt verschieden benannt wird, sind auch in die wahre Urform jedes emp­findenden Wesens eingewirkt. In diesem weiten Ozean der Liebe, des Lichtes und des Lebens haben wir unser wahres Sein und bewegen uns darin. Aber so seltsam es auch scheint, wir kennen diese Wahrheit nicht – wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser – und noch weniger praktizieren wir sie in unserem täglichen Leben. Dies ist der Grund für die grenzenlose Angst, die Hilflosigkeit und das Elend, das wir um uns herum in der Welt sehen, trotz all unserer lobenswerten Anstrengungen und ernst­haften Bemühungen, davon loszukommen.

Die Liebe ist der einzige Prüfstein, um festzustellen, wie weit wir das zweifache Prinzip des Lebens und des Lichtes in uns verstanden haben, und wie weit wir auf dem Pfad der Selbst-Erkenntnis und Gott-Erkenntnis bereits vorangekommen sind.

Gott ist Liebe und die Seele des Menschen ist ein Funken dieser Liebe. Liebe wie­derum ist die Verbindung zwischen Gott und dem Menschen einerseits und dem Menschen und Gottes Schöpfung andererseits. Deshalb heißt es: "Wer nicht liebt, kennt Gott nicht, denn Gott ist Liebe." Ähnlich sagt Guru Gobind Singh: "Wahr­lich, ich sage euch: Nur der wird Gott finden, dessen Herz vor Liebe überfließt." Einfach gesagt: Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes des Lichtes und des Lebens.

Alle Propheten, alle Religionen und Schriften hängen an zwei Geboten:

"Du sollst lieben Gott, deinen Herrn mit all deinem Herzen, mit all deiner Seele und mit all deinem Gemüt."

Das ist das erste und vornehmste Gebot. Und das zweite ist ihm gleich: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst."

Als Christus gefragt wurde, wie wir uns unseren Feinden gegenüber verhalten soll­ten, sagte er: "Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, auf das ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist."

Lasst uns mit dem Maßstab der Liebe, dem wahren Wesen von Gottes Sein, unsere Herzen prüfen. Ist unser Leben ein Aufblühen der Liebe Gottes? Sind wir bereit, ein­ander in Liebe zu dienen? Halten wir unsere Herzen offen für die gesunden Einflüsse von außen? Sind wir denen gegenüber geduldig und tolerant, die anders sind als wir? Weiten sich unsere Herzen mit der Schöpfung Gottes aus, bereit, die Gesamtheit Sei­nes Seins zu umfassen? Bluten wir innerlich beim Anblick der Niedergeschlagenen und Bedrückten? Beten wir für die kranke und leidende Menschheit? Wenn wir nichts von all dem tun, sind wir noch weit entfernt von Gott und von der Religion, gleichgültig, wie laut wir in unseren Reden sind, wie fromm in unseren Plattheiten und wie hochtrabend in unseren Aussprüchen. Trotz all unseres großen Verlangens nach Frieden haben wir völlig versagt, der Sache des Friedens Gottes auf Erden zu dienen.

Ziel und Mittel sind miteinander verknüpft und können nicht voneinander ge­trennt werden. Wir können keinen Frieden erlangen, solange wir versuchen, ihn mit kriegsähnlichen Mitteln und Waffen der Zerstörung und Vernichtung zu erreichen. In unserem Herzen nagen die Keime des Hasses, die Barrieren von Rasse und Farbe, in unserem Blutstrom branden Gedanken politischer Machtherrschaft und wirt­schaftlicher Ausbeutung. So arbeiten wir am Zusammenbruch des sozialen Gefüges, das wir so mühsam aufgebaut haben und erreichen nur den Frieden schweigender Gräber und nicht den lebendigen Frieden, der aus gegenseitiger Achtung und Liebe, Vertrauen und Harmonie geboren wird. Wir beten inbrünstig um den Frieden, der die Menschheit bessern und diese Erde in ein Paradies verwandeln könnte, den wir von Kanzeln und Rednerbühnen predigen, und der trotzdem, je mehr wir fortschrei­ten, in unerreichbare Ferne rückt.

Wo liegt dann das Heilmittel? Ist die Krankheit denn unheilbar? Nein, so ist es nicht. Das Leben und Licht Gottes sind immer noch da, um uns in der Wildnis zu helfen und zu führen. Wir sehen diese Wildnis um uns herum, weil wir im Innersten unseres Herzens verwildert sind und die Dinge nicht in ihrer rechten Perspektive se­hen. Diese große äußere Welt ist nichts anderes als eine Widerspiegelung unserer ei­genen kleinen Welt im Inneren.

Die Saaten der Uneinigkeit und Disharmonie im Boden unseres Gemüts tragen Frucht in uns und um uns – und dies in Fülle. Wir sind das, was wir denken, und se­hen die Welt durch die rauchgeschwärzte Brille, die wir uns selbst gewählt haben. Dies beweist nur eines: Dass wir bis jetzt das Leben und das Licht Gottes noch nicht erkennen und noch viel weniger Gott im Menschen verwirklicht haben.

Im Spiel des Lebens haben wir uns weit vom Zentrum entfernt. Wir spielen es nur ganz am Rande und tauchen niemals in die tiefsten Wasser des Lebens im Inneren ein. Deshalb sind wir ständig im Strudel des wirbelnden Wassers an der Oberfläche gefangen. Das Leben an der Peripherie unseres Seins ist in Wirklichkeit nicht vom Leben im Zentrum unseres Seins verschieden. Beide sind in Wirklichkeit identisch. Wird jedoch das eine vom anderen getrennt, so sehen sie verschieden aus. Daher das seltsame Paradox: Obwohl das physische Leben eine Offenbarung Gottes ist, ist es doch voller Mühe und Unruhe, Stürme und Spannungen, Zerrissenheit und Zerstreu­ung.

In unserer Begeisterung und unserem Hunger nach dem äußeren Leben auf dem Sinnesplan sind wir zu weit von unserem Zentrum abgeirrt, nein, wir haben die Taue unseres Bootes durchgeschnitten, und so ist es kein Wunder, dass wir hilflos auf dem Ozean des Lebens hin und her geschleudert werden. Ohne Steuer und Kompass, der uns leiten könnte, sind wir ein hilfloses Opfer unberechenbarer Winde und Wogen, ohne dass wir es wissen und können die zahllosen Untiefen, Sandbänke und verbor­genen Felsen, mit denen unser Weg übersät ist, nicht erkennen. In dieser schreckli­chen Lage treiben wir ziellos im brausenden Strom des Lebens dahin. Wohin? Wir wissen es nicht.

Nach alldem ist diese Welt aber nicht so schlecht, wie wir annehmen und kann es auch gar nicht sein. Sie ist eine Offenbarung des Lebensprinzips des Schöpfers und wird durch Sein Licht erhalten. Alles gründet auf Sei­ner Liebe.

Die Welt mit ihren verschiedenen Religionen ist für uns erschaffen, und wir sollten Nutzen daraus ziehen. Man kann nicht auf dem trockenen Land schwimmen lernen. Alles, was wir tun müssen, ist, die grundlegenden Wahrheiten des Lebens, die in un­seren Schriften verankert sind, richtig zu erlernen und zu verstehen. Dann müssen wir sie unter der Führung eines in Gott lebenden Heiligen sorgsam praktizieren.

Die Heiligen Schriften entstanden durch Propheten, die von Gott inspiriert waren und können deshalb von einem Gott-berauschten Menschen oder Gottmenschen ihrer wahren Bedeutung nach richtig erklärt werden. Er kann, indem er die scheinba­ren gedanklichen Widersprüche in Übereinstimmung bringt, uns so in ihre wahre Be­deutung einweihen und uns schließlich helfen, auf dem Gottespfad im Inneren fort­zuschreiten.

Ohne eine solche praktische Führung im Inneren und Äußeren sind wir im magi­schen Zauber der Formen und Gemüter gefangen. So ist es uns nicht möglich, zu den esoterischen Wahrheiten durchzudringen, die unter der Masse des Wortschwalls ver­gangener Epochen verborgen liegen und die sich jetzt im Laufe der Zeit durch For­men, Formeln und Formalitäten der herrschenden Klasse zu Versteinerungen ver­dichtet haben.

Jede Religion hat notwendigerweise einen dreifachen Aspekt:

Erstens den traditionellen, der die Mythen und Legenden für die Laienbrüder enthält.

Den zweiten Aspekt bilden die philosophischen Abhandlungen, die auf dem Verstand gründen und dazu dienen, den Hunger der Intellektuellen zu befrie­digen, die sich mehr mit dem Warum und Wofür der Dinge beschäftigen als mit irgend etwas anderem. Hierbei wird großer Wert auf die theoretische Seite gelegt und auf die ethische Entwicklung, die so wichtig für das spirituelle Wachstum ist.

Der dritte Aspekt ist der esoterische Teil, der zentrale Kern in jeder Religion, der für die wenigen Erwählten, die echten Wahrheitssucher, bestimmt ist. Die­ser Teil befasst sich mit den persönlichen spirituellen Erfahrungen der Gründer jeder Religion und anderer fortgeschrittener Seelen und wird Spiritualität ge­nannt. Sie ist der Kern aller Religionen und sollte sorgfältig erforscht und im Herzen bewahrt werden, um sie in die Praxis umzusetzen und selbst zu erfah­ren.

Diese inneren Erfahrungen aller Weisen und Seher sind seit undenklichen Zeiten die gleichen, ungeachtet der religiös-sozialen Gemeinschaften, der sie angehörten. Sie handeln im wesentlichen vom Licht und vom Leben Gottes – gleichgültig auf wel­cher Ebene. Die Methoden und die Mittel, direkte Ergebnisse zu erlangen, sind eben­so die gleichen. "Religiöse Erfahrung", sagt Plotin, "liegt darin, die Wahre Heimat während des Exils zu finden", und meint damit die Pilgerseele, für die das Reich Gottes gegenwärtig nur eine verlorene Provinz ist. Ähnlich sagt uns Bergson, ein anderer großer Philosoph: "Der sicherste Weg zur Wahrheit ist die Wahrnehmung, die Intuition und bis zu einem gewissen Punkt die Schlussfolgerung – um dann den töd­lichen Sprung zu tun."

Diese Philosophen haben nichts Neues gesagt. Sie haben nur auf ihre eigene Weise die alten Wahrheiten des Para Vidya, des Wissens vom Jenseits, wiederholt. Die Zeugnisse dieses Wissens finden wir in kurzer und bündiger Form in allen Schriften der Welt. In der christlichen Theologie heißt es zum Beispiel:

Lerne zu sterben, damit du zu leben beginnen kannst. Und Paulus fügt hinzu: Ich sterbe täglich.

Wer sein Leben findet, der wird es verlieren. Und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden.

Der heilige Prophet aus Arabien spricht von "Mautu Kibal Ant Mauti", dem Ster­ben vor dem tatsächlichen Tod. Dadu und andere Heilige sagen ähnlich: "Lerne zu sterben während des Lebens, denn am Ende muss doch jeder sterben."

So sehen wir also, dass das Leben und das Licht Gottes den einzigen gemeinsamen Boden bilden, auf dem sich alle Religionen begegnen. Und wenn wir diese Rettungs­leinen ergreifen würden, könnten wir lebendige Zentren der Spiritualität werden, un­abhängig davon, welcher Religion wir unsere Treue schulden zur Erfüllung unserer sozialen Bedürfnisse und der Entwicklung unseres moralischen Wohlergehens.

Gott schuf den Menschen, und der Mensch schuf im Laufe der Zeit die Religionen als die vielen Mittel seiner Erhebung, entsprechend den vorherrschenden Bedingun­gen der Völker. Während wir uns dieser Mittel bedienen, müssen wir unser morali­sches und spirituelles Wachstum so anheben, dass wir Gott näher kommen. Es sollte zur Kenntnis genommen werden, dass dies nicht nur eine Möglichkeit, sondern so si­cher und gewiss ist wie in der Mathematik zwei und zwei vier sind. Dazu brauchen wir natürlich die richtige Führung und Hilfe eines Adepten, der nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis der Wissenschaft der Seele wohl bewandert ist.

Dies ist nicht nur ein Gebiet für Philosophen, Theologen oder intellektuelle Grö­ßen. Ich nenne nur zwei Beispiele, um dies zu veranschaulichen:

Gott wird in allen Schriften als der Vater des Lichtes, Nooran-ala-noor, Swayam jyoti swarup beschrieben – Ausdrücke, die alle das gleiche bedeuten. Wenn ihr eine religiöse Autorität nach der Bedeutung dieser Worte fragt, werdet ihr zur Antwort erhalten, dass dies nur bildliche Begriffe ohne jegliche innere Bedeutung sind. Und warum? Weil dieser Mensch noch keine praktische Erfahrung vom unerschaffenen, unvergänglichen, selbstleuchtenden und schattenlosen Licht Gottes in sich erhalten hat. Jenes Licht, das Moses, Zarathustra, Buddha, Christus, Mohammed, Nanak, Kabir und andere tatsächlich bezeugten und verwirklicht haben. Sie lehrten jene, die mit ihnen in Verbindung kamen, das gleiche zu tun.

Genauso wie das Brennen der Kerzen ein Symbol des inneren Lichtes ist, so gibt es in Kirchen und Tempeln auch den Brauch des Glockenläutens und des "Azaans" durch den "Mouzan" – der Gebetsruf der Mohammedaner. All dies hat eine viel tie­fere Bedeutung als allgemein erkannt wird, und erstaunlicherweise wird es nur als Zusammenrufen der Gläubigen zum Gebet aufgefasst. Hierin liegt die große Kluft zwischen Lernen und Weisheit, die entgegengesetzte Pole sind. Diese beiden Symbole (Kerzen und Glocken) weisen auf die Musik der Seele, den Hörbaren Lebensstrom, die Sphärenmusik, auf das wirkliche Lebensprinzip, das in der ganzen Schöpfung pulsiert, hin.

Ohne Ihre Zeit noch mehr in Anspruch zu nehmen, möchte ich noch eines beto­nen. Alle Religionen sind vom Grunde her gut und wahrhaft unserer Liebe und Ach­tung wert.

Das Ziel dieser Konferenz ist weder eine neue Religion zu gründen – denn wir ha­ben schon genügend davon – noch die vorhandenen Religionen zu werten. Auch sollten wir die Idee verwerfen, eine Weltreligion aufzustellen, denn alle Religionen sind – wie viele Staaten – nur lieblich duftende Blumen im Garten Gottes in ver­schiedenen Farben und Formen. Die dringendste Notwendigkeit der Zeit ist deshalb, unsere religiösen Schriften aufmerksam zu studieren, um unser verlorenes Erbe wie­der zu erlangen. Ein Heiliger sagt:

"Jeder hat in sich eine Perle von unschätzbarem Wert. Da er aber nicht weiß, wie er sie ans Licht bringen kann, geht er mit einer Bettelschale umher."

Es ist ein praktisches Thema, und sogar die Bezeichnung "Religion der Seele" ist falsch, denn die Seele hat überhaupt keine Religion. Wir können es, wenn Sie wollen, die Wissenschaft der Seele nennen, denn es ist wirklich eine Wissenschaft, wissen­schaftlicher als alle bekannten Wissenschaften der Welt. Sie ist imstande, wertvolle und nachweisbare, ganz präzise und bestimmte Resultate hervorzubringen.

Dadurch, dass wir mit dem Licht- und Lebensprinzip, den ersten Offenbarungen Gottes im Laboratorium des menschlichen Körpers – den alle Schriften als einen wahrhaftigen Tempel Gottes bezeichnen – in Berührung kommen, können wir tat­sächlich am Brot und Wasser des Lebens teilhaben, uns ins Kosmische Bewusstsein erheben und Unsterblichkeit erlangen. Dies ist der Anfang und das Ende aller Reli­gionen.

Da wir alle in die Eine Gottheit eingebettet sind, sollten wir alle die erhabene Wahrheit der Vaterschaft Gottes und der Bruderschaft der Menschen repräsentieren. Es ist das lebendige Wort des Lebendigen Gottes, das eine große Kraft in sich trägt. Es heißt richtig: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern durch das Wort Gottes."

Und dieses Wort Gottes ist ein ungeschriebenes Gesetz und eine unge­sprochene Sprache. Wer sich durch die Kraft des Wortes selbst findet, kann niemals wieder irgend etwas in dieser Welt verlieren. Wer einmal den Menschen in sich selbst begreift, versteht die ganze Menschheit. Dies ist jenes Wissen, durch das, wenn man es besitzt, alles andere er­kannt wird.

Es ist das unveränderliche Gesetz des Unwandelbaren Seins, von keinem menschli­chen Kopf erdacht. Es ist das Sruti der Veden, das Naad oder Udgit der Upanishaden, das Sarosha des Zend Avesta, der Heilige Geist der Evangelien, das Verlorene Wort der Freimaurer, das Kalma des Propheten Mohammed, das Saut der Sufis, das Shabd oder Naam der Sikhschriften, die Musik der Sparen und aller Harmonien des Plato und Pythagoras und die Stimme der Stille der Theosophen.

Jeder ernsthafte Wahrheitssucher kann damit in Verbindung kommen, er kann Es ergreifen und an Ihm teilhaben. Und dies nicht nur zu seinem eigenen Wohl, sondern zum Wohl der ganzen Menschheit, denn Es wirkt wie ein zuverlässiger Notausgang, um allen Gefahren, von denen die Menschheit in diesem Atomzeitalter bedroht ist, zu entrinnen.

Die einzige Bedingung, diesen spirituellen Schatz in unserer eigenen Seele zu erlan­gen, ist die Selbst-Erkenntnis. Darum haben die Weisen und Seher aller Zeiten und aller Orte in unmissverständlichen Worten Nachdruck auf die Selbst-Analyse gelegt. Ihr Fanfarenruf an die Menschheit war immer: "Mensch, erkenne dich selbst!" Die arischen Denker in eisgrauer Vergangenheit nannten es Atam Gian oder das Wissen vom Atman, der Seele. Die Griechen und Römer gaben ihm den Namen gnothi seauton und nosce te ipsum. Die Moslem Heiligen nannten es Khudshanasi, und Guru Nanak, Kabir und andere betonten die Notwendigkeit des Apo cheena, der Selbstanalyse. Sie erklärten, dass der Mensch nur ein oberflächliches Leben der Täuschung auf der physischen Daseinsebene führt, solange er nicht seine Seele von Körper und Gemüt trennt. Wahres Wissen ist unzweifelhaft eine Tätigkeit der Seele und ist voll­kommen – ohne den Gebrauch der Sinne. Dies ist also der Gipfel, den der Mensch nach allem Forschen erlangt hat, seit das erste Aufflackern des Selbst-Erwachens in ihm dämmerte.

Dies ist die eine Wahrheit, die ich in meinem Leben theoretisch und praktisch von meinem Meister Baba Sawan Singh gelernt habe. Ich habe es Ihnen heute vorgelegt, so wie ich es bereits vor den Menschen im Westen und Osten während meiner ausge­dehnten Reisen überall hin tat. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sie überall Auf­nahme fand wie eine gültige Münze. Denn sie ist das einzige Heilmittel gegen alles Übel der Welt, wie auch gegen die Übel des Fleisches, die der Mensch natürlicherwei­se durch das Wirken des unerbittlichen Gesetzes von Ursache und Wirkung ererbt hat: "Was du säst, das wirst du ernten."

All unsere Religionen sind demnach ein Ausdruck inneren Drängens, das der Mensch von Zeit zu Zeit spürt, um einen Weg aus der Disharmonie im Äußeren zum stillen Frieden der Seele im Inneren zu finden. Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis begreift es nicht. Aber wir sind von Natur aus so geschaffen, dass wir ruhelos sind, bis wir Ruhe in dem Grundlosen Urgrund finden.

Wenn wir nach unseren Schriften lebten und das Licht und das Leben Gottes in uns verwirklichten, dann würde – so sicher wie der Tag der Nacht folgt – die Liebe als Höchstes im Universum regieren, und wir würden überall nichts an­deres als die Unsichtbare Hand Gottes wirken sehen.

Darum müssen wir als Glieder der einen großen Menschheitsfamilie zusammensit­zen, damit wir einander verstehen können. Vor allem anderen sind wir EINS – von der Ebene Gottes aus, der der Vater von allen ist; von der Ebene des Menschen aus, als Seine Kinder und von der Ebene der Verehrer derselben Wahrheit oder Gottes­kraft aus, die mit so vielen Namen bezeichnet wird.

In dieser erhabenen Versammlung spirituell Erwachter können wir die große Wahrheit der Einheit des Lebens lernen, die im Universum vibriert. Wenn wir das tun, wird sicherlich diese Welt mit ihren vielen Formen und Farben als die wahrhaftige Schöpfung Gottes erscheinen, und wir werden tatsächlich spüren, dass der gleiche Lebensimpuls uns alle belebt. Als Seine Eigenen lieben Kinder, die in Ihm wie viele Rosen in Seinem Rosenbeet eingebettet sind, wollen wir uns vereinigen im liebevollen Gedenken an Gott und zu Ihm in dieser Stunde drohender Gefahr der Vernichtung, die uns ins Gesicht starrt, für das Wohlergehen der Welt beten. Möge Gott in Seiner unendlichen Barmherzigkeit uns alle erretten, ob wir es verdienen oder nicht.