Von Sant Kirpal Singh, aus dem Buch "The Way of the Saints" – Kapitel 5

Es ist schon so viel über den Sant gesagt worden, dass man sich vielleicht fragen mag: "Was für ein Mensch ist ein Sant, und wie unterscheidet Er sich von anderen, allgemein bekannten Stufen der Meisterschaft wie den Sanyasins, den Rishis, Munis, Tikhishwars, Munishwars, Yogishwars, den vergangenen Meistern, den Religionsgründern und den Priestern, die innerhalb der verschiedenen Religionen wirken, usw.?"

Wohl ist ein Sant (oder Sadhu) Seinem äußeren Erscheinungsbild nach ein ganz normaler Mensch. Und doch ist Er weit mehr als das: Er ist ein 'vollkommener Mensch', der sowohl Erfahrung in den Dingen des äußeren als auch des inneren Lebens hat. Die äußere Lebensweise ist in den verschiedenen Ländern vielleicht unterschiedlich, aber die inneren Erfahrungen sind dieselben, wo immer diese bekannt geworden sind – auch wenn von unterschiedlichen Stufen berichtet wird, was mit dem Grad des inneren Aufstiegs zusammenhängt. Diese verschiedenen Phasen innerer Erfahrung sind zweifelsfrei, soweit sie jeweils führen; die direkten und umfassenden Abschnitte der Erfahrung wurden jedoch durch die Sants bekannt, die mit ihrer Theorie immer auch die praktische Erfahrung anbieten. Was mehr braucht der Mensch?

Obwohl umfangreiche Bände voll Lob von den Erfahrungen der Heiligen in dieser Wissenschaft der Natur sprechen, ist es dennoch schwierig, Näheres über einen Heiligen zu erfahren – selbst wenn Er der nächste Nachbar wäre oder man Ihm jeden Tag auf der Straße begegnen würde.

Wie die Geschichte berichtet, reiste einmal ein russischer Zar, den das Schicksal einiger Exilanten rührte, die als Schiffsbauer an einer fernen Küste arbeiteten, als Arbeiter verkleidet zu ihnen, arbeitete einige Jahre mit ihnen zusammen und überredete sie schließlich, wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Die Schiffsbauer lehnten das zuerst ab, da sie ja ihres Landes verwiesen worden waren und keine Hoffnung für sich sahen. Der Zar jedoch versicherte ihnen, dass er genug Einfluß bei Hof habe, ja sogar einigen Einfluss beim Zaren selbst, und dass es kein Problem geben würde. Einige, die ihm vertrauten, waren bereit, ihm in die Heimat zu folgen. Auf der Rückreise wurde ihr Vertrauen zu ihrem Arbeitskameraden dadurch bestärkt, dass der als Arbeiter verkleidete Zar allerseits herzlich von den Menschen begrüßt wurde. Als sie schließlich erkannten, dass der geschätzte Mitarbeiter kein anderer war als der Zar selbst, der nun vor ihren eigenen Augen den Thron bestieg, stießen sie Seufzer der Erleichterung aus. Aber wie hätten sie ihn vorher erkennen oder ihm das anfangs je glauben können?

Der unsichtbare Höchste Eine manifestiert sich in einem auserwählten menschlichen Pol, der sich während seines Lebens in beständigem, unermüdlichem Bemühen in unvergleichlicher Selbstaufopferung und grenzenloser Liebe mit Gott im Inneren verbunden hat und so zu Seinem bewussten Mitarbeiter geworden ist. Diesem auserwählten menschlichen Pol wird die Mission anvertraut, die zu trösten, die der Welt müde sind und Gott von Herzen suchen, sie von den weltlichen Lasten zu befreien und sie mit Gott, zu dem sie ja gehören, zu verbinden. Der Mensch braucht einen Menschen als Lehrer, und so ist ein Heiliger einfach der Höchste Eine, als Mensch 'verkleidet', damit jene, die nach Gott verlangen, zu Ihm kommen können. Der unsichtbare Allmächtige hat in dieser Hinsicht Sein eigenes Gesetz. Der Sant ist also Gott plus Mensch. Er ist ein Sprachrohr Gottes, oder – für die, die das akzeptieren können – Gott in menschlicher Gestalt, der personifizierte Gott. Er ist der heilige persönliche Gott, mit allen Mächten und voller Autorität ausgestattet – ein lebendiger Altar, zu dem man beten kann, um die Lösung für die menschlichen Probleme von der Geburt an bis zum Tod und sogar danach zu erhalten; kurz, den Menschen aus dem Netz der Sorgen zu befreien und ihm echte Erlösung zu gewähren.

So bewegt Gott sich unter uns in der 'Verkleidung' eines Menschen. Äußerlich kann niemand Ihn erkennen – es sei denn, man verbindet sich mit einem Meister-Heiligen im eigenen Inneren gemäß der Wissenschaft, das heißt, den Gesetzen, die Gott selbst dafür niedergelegt hat. Nimmt man einen Meister-Heiligen im Äußeren als gewöhnlichen Menschen, so kann man von Ihm nicht mehr erhalten als von jedem anderen, den man so einschätzt. Betrachtet man Ihn als Übermenschen, so ist der Vorteil, der einem zuteil wird, bereits groß, und wenn Er alles-in-allem für einen ist, so ist der Gewinn unvergleichlich. Verbindet man sich im Inneren mit dem Meister, so erlangt man alles. Das ist für die menschliche Vorstellungskraft nicht faßbar – im Bereich des Denkens wäre es nur blinder Glaube. Es hängt von dem Ausmaß ab, in dem man die göttliche Wissenschaft verstanden hat. Was aus dem Herzen kommt, findet den Weg zum Herzen der Menschen.

Einmal wurde Hazur Baba Sawan Singh Ji Maharaj folgende Frage gestellt: "Die Körper der Menschen sind alle aus demselben 'Staub' geschaffen (d.h. Blut, Fleisch, Knochen etc.), warum ist der physische Körper eines Sant edler und erhabener als alle anderen?" Hazur gab zur Antwort: "Natürlich sind alle Körper aus 'Staub', aber der Körper eines Heiligen ist aus den reinsten Teilchen geschaffen, die es im ganzen Universum gibt. Jedes Wort, jeder Blick, jede Bewegung, jede Berührung, selbst die Aura eines Heiligen sind durchdrungen von der Gnade, Liebe und Barmherzigkeit Gottes. In Seiner Gemeinschaft spürt man Schwingung, die ganze Atmosphäre ist wie elektrisch geladen." Je reiner das Herz eines Menschen ist, desto mehr erkennt und fühlt er das. Selbst jene, die einfach nur Seinen Worten Beachtung schenken, sie annehmen und in sich bewahren, gehen nicht leer aus; sie erhalten Gnade.

"Wenn ein Heiliger über die Erde geht, wird das Land heilig und rein. Geht Er über Gras, und kleines Getier oder Insekten werden unter Seinen Füßen getötet, so erhalten diese, ungeachtet der zyklischen Ordnung und der Stufenfolge der Evolution, die das Leben auf der Erde entsprechend den Naturgesetzen bestimmt, bei ihrer nächsten Verkörperung die menschliche Form. Selbst die Bäume, von deren Früchten ein Sant sich ernährt, und die Pflanzen, die Korn für Seine Nahrung geben, erhalten unmittelbar die menschliche Form, ebenso der Baum, dessen Ästchen der Heilige als 'Datan' (eine Art Zahnbürste) gebraucht, und die Kühe, von denen die Milch stammt, die der Heilige trinkt. Auch den Pferden, die ein Heiliger reitet, und den Ameisen und Würmern, die vom Wasser berührt werden, in dem sich ein Heiliger wäscht, oder einem vorbeifliegenden Vogel, der den freien Körper eines Heiligen erblickt, wird dieser Segen zuteil."

Für einen gewöhnlichen Menschen wäre das ein Rätsel oder Scherz; er wäre kaum bereit, so etwas zu glauben, weil sein einziger Prüfstein sein Verstand ist und er solange nichts von der Kraft Got-tes oder der Vollmacht und den Rechten weiß, mit denen die Gestalt eines Sant ausgestattet ist, bis er Erfahrung in dieser edlen Wissenschaft erlangt, die von Gott selbst für den Menschen bestimmt wurde. Es ist wahr, dass Gott hier auf Erden den äußeren Augen nicht sichtbar ist, doch hat Er den Menschen, was den Zugang zu sich betrifft, auch nicht hilflos sich selbst überlassen. Das Zugangstor und der Ausgangspunkt jeglichen Suchens und Forschens nach Gott liegt im Innern des Menschen. Ein Sant ist die Hilfe dazu. Der Mensch muß deshalb eine andere Richtung einschlagen als die, in der er jetzt voranzukommen versucht. Aber er ist stolz auf seine 'Erkenntnisse' auf verschiedenen Gebieten, und so verirrt er sich. Es ist so, wie wenn jemand einen Krug untersucht, der in Ruinen eines weit entfernten Landes gefunden wurde, und nun nachdenkt, darüber sinnt und seine ganze Vorstellungskraft auf den Töpfer konzentriert, der ihn vor langer Zeit formte. In Gedanken entwirft er ein Bild des Töpfers, stellt sich ihn und sein Handwerkszeug vor und schreibt dann ein Buch nach dem anderen darüber. Damit versucht er andere zu beeindrucken und zu beweisen, dass seine Entdeckungen wahr sind und Beifall verdienen. Oh, wie weit ist der Mensch von der richtigen Spur entfernt.

Einfach ist die Wahrheit und noch einfacher die Sprache der Wahrheit. Diese Sprache sprechen die Sants, deren einfache und direkte Worte von Herzen kommen und die Seelen von Zweifeln befreien, beruhigen und die trösten, die ruhelos und sorgenbeladen sind. Die Meister sprechen immer spontan und natürlich. Maulana Rumi sagt: "Ein Sant ist der 'Mund' Gottes – Gott selbst spricht durch den Mund des Menschen." Als Mensch gibt sich der Sant bei allen Ereignissen des Lebens dem Willen Gottes hin. "Trage jede Last und sei nachsichtig" ist das Leitprinzip des Meisters. Er gleicht einem Sandelholzbaum, der, selbst wenn die Axt des Holzfällers ihn trifft, weiter seinen Duft verströmt und sogar die Schneide der Axt, die ihn fällt, damit umfängt.

In der Gemeinschaft des Meisters findet das ruhelose Gemüt Frieden. Der Sant tritt für das Gute im Menschen ein und wirkt als Freund oder Bruder, wenn das menschliche Gemüt Ihn als Führer nicht annehmen kann. Er wirkt bescheiden in aller Demut, aber Seine Handlungen sind voller Glanz und Herrlichkeit. Er schaut nicht darauf, welche Stellung einer innehat, welcher Gedankenschule oder Rasse er angehört, sondern sieht einfach nur, dass der Mensch, der zu Ihm kommt, eine verkörperte Seele ist. Der Meister ist ein äußerst achtsamer Händler Seiner wertvollen Güter (der spirituellen Wissenschaft). Keiner – selbst wenn er sich für noch so schlau, klug und gebildet hält und glaubt, er könne Wunder vollbringen – kann damit auch nur ein wenig von dem erhalten, was ein Heiliger hat, selbst wenn er sein Bestes versuchen würde. Der Meister liebt Theisten genauso wie Atheisten. Er liebt die schlimmsten Sünder und auch die, die den sinnlichen Vergnügungen der Welt hingegeben sind; so wie eine liebevolle Mutter, die ihr Kind nicht verstößt, weil es sich schmutzig gemacht hat.

Nur ein Meister kann einen Meister erkennen. Seine Gegenwart ist in jeder Gesellschaft oder Gruppe der strahlende Mittelpunkt. Man kann Ihn von Ort zu Ort gehen sehen, doch Er tut das nicht aus selbstsüchtigem Motiv oder um Werbung zu machen, sondern weil Er von den starken, seidenen Banden der Liebe, die aus dem Herzen mancher Menschen kommt, angezogen wird. Er ist ein erhebender Führer von moralischer Reinheit und hoher Spiritualität. Ob ein Metall aus Gold oder Eisen ist, für einen Meister ist es einfach Metall. Auch wird Er nicht von hoher Stellung, Ehre oder Unehre, Freud oder Leid, Lob oder Tadel beeinflusst. Erhabenheit, Reichtum und die Schönheit der Frauen haben keine Anziehung für einen Heiligen. Er steht weit über dem Einfluss von Lust, Ärger, Gier, Verhaftung und Egoismus. Er bleibt unbeeinflusst.

Die Meister stehen über den drei Gunas (Eigenschaften des Gemüts). Sie sind selbstlos und enthüllen den Menschen die Wahrheit. Sie sind Kinder des Lichts – Leuchttürme in der Welt. Es ist selten, dass man einem echten Meister begegnet. Die Heiligen erlangen – wie die Ringer – ihre Größe nicht an einem Tag, noch werden sie an einer Schule oder Akademie ausgebildet, sondern ihre Entwicklung beruht auf der Erfahrung vergangener Leben. "Jeder Heilige hat seine Vergangenheit und jeder Sünder seine Zukunft." Sie sind das gemeinsame Gut der Menschheit. Sie sind erfahrene Persönlichkeiten, die sich selbst und Gott verwirklicht haben und uns dabei helfen können, denselben Pfad zu gehen. Was einer erlangt hat, kann er einem anderen weitergeben.

Wie kann der normale Mensch wissen, dass sich ein Meisterheiliger täglich in die hohen Himmel erhebt, die Karmas Seiner Schüler übernimmt, sie abwickelt und sie unter Seiner Fürsorge beseitigt? Wie kann der Meister das bei Tausenden von Schülern bewältigen? Wir hören nur gelegentlich von diesen Dingen. Doch kommt einfach zu einem Heiligen, und ihr werdet Gemütsruhe und eine tiefe innere Stille finden, wie ihr sie nie zuvor erfahren habt – und noch vieles mehr. Die Herzen derer, die auch nur einen Funken Liebe für Gott in sich haben, erfahren bereits ein Erwachen, wenn sie nur davon hören, dass es einen Meister gibt, der sie wirklich an das Tor zu Gott führen kann. Wenn wir zu einem Meister gehen, erlangen wir: Empfänglichkeit des Herzens und die Fähigkeit, hinter den Augen still zu werden. Als drittes gibt Er uns die Verbindung mit dem göttlichen Bindeglied. In alten Zeiten gewährten heilige Menschen an den Pilgerorten zumindest diese drei Gaben, die die Voraussetzung für die Spiritualität sind. Doch heutzutage stehen anstelle dieser Voraussetzungen für die göttliche Wissenschaft nur noch Worte und Theorien.
Kurz zusammengefasst ist die Botschaft der Meister: Im Menschen liegen die kostbaren Schätze der Göttlichkeit verborgen. Erlangt das Wissen und die Erfahrung, durch die die Meister diese Höhe und Erhabenheit erreichten und öffnet jetzt, während eures Lebens, die Tore zum Göttlichen – jedoch nicht intellektuell, sondern praktisch. Alles, was ihr dafür braucht, ist ein reines Herz und eine einfache Bitte. Denn diese natürliche Wissenschaft ist ein Geschenk Gottes.

Zu den Heiligen kommen Menschen aller Art. Manche sind stolz auf ihre Anschauungen, ob diese nun gut sind oder schlecht. Heilige brauchen keine Ordnungshüter, um solche Menschen fernzuhalten, die in den Augen der Öffentlichkeit unerwünscht sind, denn seltsamerweise ist es deren eigene Kritik, die sie wie ein Torhüter fernhält.

Das Problem, das sich dem Menschen nun stellt, ist: "Wie kann man einen wahren Meister unter den vielen, von denen man liest, hört oder denen man begegnet, erkennen?" Wir sind gewöhnt, die Dinge von außen zu beurteilen. Bei einem Heiligen gibt es jedoch kaum ein allgemein gültiges Merkmal. Dennoch brauchen wir irgendwelche Anhaltspunkte. Uns ist bekannt, dass Rishis und Munis als Menschen bezeichnet werden, die Wissen von der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft besitzen. Von den Yogis weiß man, dass sie darüber hinaus übernatürliche Kräfte haben. Diese können sie zeigen und andere damit beeindrucken. Von den Göttern heißt es, dass sie keine Schatten werfen. So muß doch früher oder in der jetzigen Zeit über die wahren Heiligen irgend etwas ausgesagt worden sein.

Die Antwort darauf ist: Für den einfachen Laien und kritisch eingestellten Menschen gibt es kaum irgendwelche Kennzeichen, durch die er erkennen könnte, ob jemand ein Heiliger ist. Für jemanden, der auf dem Pfad der göttlichen Liebe ein wenig fortgeschritten ist und genau beobachten kann, gibt es jedoch gewisse Hinweise und Anhaltspunkte. Man braucht allerdings viel Geduld, um diese Dinge herauszufinden:

1. Die Heiligen sagen immer, dass Gott im Menschen zu finden ist. (Das wird heute jedoch fast überall betont, so dass es für den modernen Menschen kein überzeugender Beweis ist.)

2. Obwohl Heilige Ihre eigene Individualität haben, gleichen sich Augen und Stirn echter Meister auf erstaunliche Weise. (Nur solche, die in ihrem Leben zwei Meistern begegnen konnten und genau auf diese Zeichen in Ihrem Antlitz achteten, konnten das erkennen. Tatsächlich ist es nur eine gnädige Kraft, die durch verschiedene menschliche Pole wirkt.)

3. Heilige haben drei senkrechte Adern auf Ihrer Stirn, die Sie nach Ihrem Willen für den Schüler sichtbar machen können. (Diese bemerkenswerten Zeichen werden in alten Aufzeichnungen erwähnt. Die meisten jedoch sind nicht fähig, diese Zeichen wahrzunehmen, bis sie davon erfahren und diese bestätigt haben wollen.)

4. Hält man sich in der Gegenwart eines wirklichen Heiligen auf, so macht man manchmal die Erfahrung, dass sich der Sinnesstrom des Körpers sammelt und sich bei geöffneten Augen ganz von selbst nach oben erhebt, bis man das deutlich empfindet. (Diese Erfahrung wird von den Meistern jedoch nur wenigen Auserwählten gewährt. Aus früheren Zeiten wird berichtet, dass Wahrheitssucher, die damit vertraut waren, diese Tatsachen bestätigten.)

5. Aufrichtige Sucher erhalten diese Erfahrung bei der Initiation. (Das steht allen offen, die Zuflucht bei einem wahren Meister suchen. Es kommt nicht darauf an, ob es ein alter oder neuer Schüler ist, der zu Ihm kommt, um irgendeinen Fehler, unter dem er leidet, zu erkennen und zu berichtigen. Diese Erfahrung ist auch jenen zugänglich, die einem, der sich selbst zum Meister ernannt hat, vertrauten, von ihm jedoch keine Erfahrung erhalten konnten.)

Es ist eine Tatsache, dass keiner einen wahren Meister finden kann, bis es dem Meister gefällt, sich selbst zu offenbaren. Wenn dem Schüler diese Offenbarung gewährt wird, ist er tief erfüllt, denn sein Vertrauen in den Meister ist bestätigt. Dies geschieht nach dem Maß seiner Empfänglichkeit, seiner Aufnahmefähigkeit und seiner Liebe. Alles bedingt die Güte und Barmherzigkeit Gottes, die durch den Meister wirkt. Manche wünschen sich Vertrauen in den Meister und erhalten Hinweise, die ihnen dieses Vertrauen geben. Einige werden dadurch in ihrem Glauben bestärkt, dass ein Schüler auf wunderbare Weise aus einer Gefahr gerettet wird. Anderen wiederum hilft es, wenn sie Antwort auf ein Gebet an den Meister erhalten. Solche, die die Schriften genau kennen, werden manchmal durch das Beispiel anderer zufriedengestellt – und werden auf diese Weise in ihrem Glauben bestärkt. Die Meister sind fähig, das Fassungsvermögen und Verstehen jedes einzelnen zu beurteilen und dem Schüler dementsprechend Glauben zu gewähren. Die Heiligen kennen die guten und schlechten Eigenschaften in jedem, doch sie behalten dieses Wissen für sich.

Die göttliche Gnade wirkt beständig. Eine gute Mutter fragt ihr Kind nicht erst: "Willst du etwas?", sondern gibt einfach. Wenn ein Wahrheitssucher schweren Herzens, angsterfüllt und mit dem Gefühl der Verlorenheit zum Meister kommt, um Befreiung von der Last seiner Sorgen zu suchen, wird er mit göttlichem Segen überschüttet. Sanftmut bedeutet nicht Schwäche. Es ist die Demut, die wie eine starke, festgebaute Straße zur göttlichen Wahrheit führt.

Erfahrung ist der einzige Prüfstein. Wenn der Meister in der Lage ist, uns eine Erfahrung zu geben, ist es ein Zeichen dafür, dass Er die göttliche Wissenschaft kennt. Nur einer, der mit der Gotteskraft verbunden ist und sie sehen kann, ist fähig, auch uns diese Verbindung zu geben. Wenn einer nicht weiter fortgeschritten ist als bis zur ersten oder zweiten Schulklasse, so kann ein anderer durch ihn keine hohe Bildung erreichen, selbst wenn er ein ganzes Leben lang von ihm lernen würde. Die Menschen haben Angst davor, zu einem Meister-Heiligen zu gehen, denn sie wissen, dass ihr ganzes Leben voller Fehler ist; bei dem einen vielleicht mehr, bei dem anderen weniger. Doch fürchtet euch niemals, zu Ihm zu gehen, nur weil ihr Sünder seid. Er ist mehr für die Sünder gekommen als für andere. Er hat ein Heilmittel für jede Wunde. Geht zu Ihm, und es wird sich ein Weg finden, von den Sünden frei zu werden. Wer weit entfernt lebt, kann Ihm schreiben. Er hat Mittel und Wege, in jedem Fall die rechte Lösung für unsere Probleme zu finden. Er ist kompetent.

Es ist nicht schwer zu erkennen, dass Para Vidya eine wissenschaftliche Grundlage hat, obwohl es sich von anderen Systemen ein wenig unterscheidet. Es ist kein gelehrtes philosophisches System, das auf intellektueller Klugheit gründet, noch weniger eine neue Form sozialer oder moralischer Verhaltensregeln, die nur die grundlegende Stufe bilden. Für einen, der genau prüft, ist es auch kein blinder Glaube, sondern eine klar umrissene, praktisch anwendbare Wissenschaft, die sich mit Selbstanalyse befasst, das heißt, dem Wissen vom Selbst im Menschen. Den Meister-Heiligen wurde für diese Wissenschaft alle Vollmacht (von Gott) übertragen.

Im allgemeinen übernimmt ein Mensch die Ansichten seiner Mitmenschen, mit denen er zusammenlebt. Schließt er sich einer anderen Gruppe an, wird er bald so sprechen wie sie. Könnte er die Dinge jedoch von einem höheren Standpunkt aus betrachten, so wäre er fähig, alle Menschen wahrzunehmen und könnte die menschlichen Handlungen besser beurteilen. Heilige besitzen diesen Blickwinkel. Sie sehen die ganze Welt von diesem Standpunkt aus. Sie sprechen über die Situation des Menschen, der um seine Existenz kämpft und vorgibt, alles zu wissen, obwohl er in Wirklichkeit nur wenig weiß. Eigentlich weiß der Mensch gar nicht, wie er leben, sich ernähren und handeln soll, noch was der Sinn seines Lebens ist. Als Kind und Jugendlicher ist er von Eltern und Lehrern abhängig; als Kranker vom Arzt; um seinen Lebensunterhalt zu verdienen vom Arbeitgeber, und die Arbeitgeber sind ihrerseits wiederum von ihren Angestellten abhängig. Bei allen weltlichen Angelegenheiten ist er von der Gesellschaft und ihren Regeln abhängig. Wenn er sich unvorhergesehenen Gefahren gegenübersieht, von Leid bedrängt wird und keinen Trost mehr findet, verläßt er sich auf die Worte des Priesters, um dann letzten Endes festzustellen, dass ihm nichts anderes übrigbleibt, als sich der Natur und ihren Gesetzen unterzuordnen. Vergebens setzt er sein Vertrauen in die Stärke seines Körpers und hofft auf eine sichere Zukunft. Er bahnt sich seinen Weg, indem er andere unbesonnen von der Leiter stößt. Es ist dem Menschen kaum bewußt, dass es leichter ist, in einer schnell fließenden Strömung stillzustehen, als einen fe-sten und unabhängigen Stand in dieser Welt einzunehmen.
Die Heiligen haben Mitleid mit dem Menschen. Sie sorgen sich nicht um ihre eigene Bequemlichkeit, sondern weisen den Menschen unermüdlich darauf hin, dass sein Leben kurz – sehr kurz ist. Der Wert der großen Meister ist von der Menschheit immer gering geschätzt worden, während Reichtum und Vergnügen zu hoch bewertet wurden. Die Heiligen haben den Menschen immer warnend darauf hingewiesen, dass er in diesem Kali Yuga (Eisernen Zeitalter) für sein Leben nur eine beschränkte Anzahl von Atemzügen zur Verfügung hat etwa  sechsundzwanzigtausend am Tag. (Die Zahl der Atemzüge ist von Mensch zu Mensch verschieden und wird vom Pralabdh- oder Schicksalskarma bestimmt.) Wenn man sitzt, atmet man zirka zwölfmal in der Minute, wenn man geht, achtzehnmal und beim Geschlechtsverkehr vierundsechzigmal. Die Anzahl der Atemzüge, die einem Menschen für sein physisches Leben zur Verfügung stehen, sind sein ganzes Gut. Die Heiligen raten dem Menschen daher, dieses Gut sicher bei einer 'Bank' anzulegen, wo es sorgsam verwaltet wird, um sein Leben zu verlängern, um den größten Nutzen daraus ziehen zu können. Sie weisen mit Nachdruck darauf hin, dass es keinen anderen Weg gibt. Doch die Menschen hören nicht auf sie. Die Meister lehren außerdem, dass der Mensch dem Gesetz der Evolution unterworfen ist, das achtmillionenvierhunderttausend Geschöpfe aller Art umfasst. Entsprechend dem unerbittlichen karmischen Gesetz der Natur erhält die Seele einen Körper nach dem anderen. In jeder Form, die die Seele annimmt, wird sie durch das karmische Gesetz von neuem in eiserne Ketten gelegt. Dieses Gesetz wirkt nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung: Jede Aktion bringt eine Reaktion hervor. Um Frieden zu erlangen, muss der Mensch sich von diesem Kreislauf der Geburten und Tode befreien. Obwohl wir mit offenen Augen den unsagbaren Schmerz und Todeskampf der Tiere und Menschen beobachten, belächeln wir die Wahrheit, von der die Heiligen sprechen, und sagen: "Wir wissen es besser, wir haben unsere Erfindungen, unsere Atomenergie usw."

Je weniger der Mensch denkt, desto mehr spricht er. Und Dinge, die er nicht versteht, bewundert er. Die Heiligen führen dennoch ihre Mission mit Beharrlichkeit fort und gewähren den Menschen, die zu ihnen kommen, eine Erfahrung der göttlichen Wissenschaft. Die sich zum Ausdruck bringende Gotteskraft – das Wort – ist unsere wirkliche Stütze. Die schmerzhaften Lebenserfahrungen, die wir machen, bringen uns der Wirklichkeit näher. Die Wahrheit als solche braucht jedoch keinen Beweis – wie die Sonne, die nur durch das Licht, das sie selbst ausstrahlt, gesehen werden kann.

"Auf einem geraden Weg kann man sich nicht verirren."