Von Sant Kirpal Singh, Tustin, Kalifornien, 18. Dezember 1963
Vortrag erhältlich als mp3 (23Mb, Laufzeit 1:06:10)


Frage: Was ist der Unterschied zwischen der Sikh-Religion und unserem Glauben?

Sant Kirpal Singh: Welchen Glauben habt ihr denn? Ich lehre keinen Glauben.

Frage: Nun, wir haben keinen Sikh-Glauben.

Sant Kirpal Singh: Die grundlegenden Prinzipien sind in allen Religionen dieselben. Ich leh­re keine Religion, keinen "Ismus", seid euch dessen bewusst! Bleibt in eurer Glau­bensgemeinschaft. Dort tut man den er­sten Schritt – durch den der Boden vor­bereitet wird. Doch nun müsst ihr den nächsten Schritt gehen, den euch eure hei­ligen Schriften weisen. Wir haben das nur vergessen. Das ist kein neuer Glaube, kei­ne neue Religion, ich vertrete nichts der­gleichen. Es gibt bereits so viele Glau­bensrichtungen. Versteht ihr? Wenn wir hier zusammen sind, ist es rein spirituell, es ist die gemeinsame Grundlage, auf der alle zusammenkommen können, gleich­gültig, welcher Religion wir angehören. Als Mensch sind wir eins, als Seele sind wir eins, und Gott, den wir anbeten, ist auch nur einer. Es gibt keinen "Ismus" hier, keine Rituale und Bräuche, keine Zeremonien, keine speziellen Gebetsfor­men.

Frage: Ich habe jemandem einmal eine ähnliche Frage gestellt: "Was ist der Un­terschied zwischen der Sikh-Religion und dem Radha-Soami-Glauben?" Er gab mir zur Antwort: "Es ist dasselbe, nur dass noch der Meister dazukommt."

Sant Kirpal Singh: Nein, nein.

Frage: Ich bin froh, es jetzt so zu hören.

Sant Kirpal Singh: Diese Dinge sind Tatsachen. Die Lehre ist im Sikhismus dieselbe. Ich glaube, wenn man alle heiligen Schriften der Welt zusammennehmen und den spi­rituellen Teil davon herausgreifen wür­de, würde dieser nicht einmal ein zwan­zigstel der Sikh-Schriften ausmachen. Sie stellen einen umfassenden Schatz dar. Doch in allen Schriften wird auf das Licht- und Tonprinzip hingewiesen, wie auch darauf, dass man einen Meister oder Guru braucht. Auch die Sikh-Schriften betonen das. Es heißt dort: "Niemand kann Gott sehen – nur mit der Hilfe eines Meisters ist es möglich." Weiter heißt es sogar: "Niemand hat je Gott erkannt, kann Ihn erkennen und wird Ihn erkennen, wenn er keinen Mei­ster hat." So betont der Sikhismus die Notwendigkeit des Meisters – sogar mit Nachdruck. Doch das Übliche ist, dass sich abgegrenzte Gruppen bilden, wenn die Meister ihren Körper verlassen. So­lange praktische Meister da sind, ist alles in Ordnung. Doch wenn ein praktischer Meister fehlt, kommt es zum Stillstand; vom Stillstand geht es dann über in Ent­artung und dann schließlich kämpft Re­ligion gegen Religion.

Die Wahrheit besteht! Wir vergessen sie, und so kommen die Meister immer wieder, um sie von neuem zu beleben. Ihr wisst, als Christus die Synagoge be­trat, sagte er: "Ihr habt das Haus meines Vaters zu einer Markthalle gemacht!" War es nicht so? Er trieb sie hinaus. Die Lehren sind dieselben. Doch Irren ist menschlich. Weil es uns an praktischen Menschen fehlt, verfallen wir immer wieder dem Irrtum. Manchmal sagen die Leute, wenn sie zu einer bestimmten Re­ligion gehören: "Wir sind stolz auf den Meister (unserer Religion)!" Es erhebt sich dann allerdings die Frage, ob die Meister, zu denen wir gehören, auch stolz auf uns sind. Sie können nur dann stolz auf uns sein, wenn wir nach dem le­ben, was sie sagen. Sie sagen uns: "Ihr müsst wiedergeboren werden!" Alle Mei­ster sagen dieselben Worte. Aber wir wissen nicht, was sie bedeuten. Christus sagte: "Wundere dich nicht, dass ich dir sage, ihr müsst von neuem geboren wer­den!" Die Menschen haben es jetzt ver­gessen. Sie interpretieren es einfach so, dass man bestimmte Rituale und Zere­monien durchführen und an einen be­stimmten Meister glauben muss; das heißt für sie dann, wiedergeboren zu werden. So ist es aber nicht.

Wenn man vorurteilslos herangeht, wird man überall auf dieselbe Wahrheit stoßen. Doch wir glauben manchmal aus Übereifer für unsere eigene Religion, dass nur wir allein die Wahrheit haben, keiner sonst. Nun, die Wahrheit ist darin enthalten, die Meister kommen, um die Wahrheit zu lehren. Natürlich verkünde­ten sie das, was zur jeweiligen Zeit not­wendig war. Doch sie alle wiesen auf ei­nes hin: Ihr müsst von neuem wiederge­boren werden. Durch ein vergleichendes Studium der Religionen, dem ich seit meiner Jugend nachgehe, und dadurch, dass ich zu Füßen meines Meisters saß, fand ich eben diese hundertprozentige Wahrheit. Ich bin mit den Oberhäuptern der verschiedenen Religionen zusam­mengekommen und habe mit ihnen darüber gesprochen, und sie alle gaben mir recht. Wer könnte es abstreiten? Tatsa­chen sind Tatsachen, Wahrheit ist Wahrheit. Ich habe Achtung für alle Meister.

Auch meinem Meister wurde die Fra­ge gestellt: "Warum gründest du keine neue Religion?" Was hat er darauf ge­antwortet? "Es gibt schon so viele Brun­nen! Warum einen neuen graben, wa­rum nicht das Wasser aus den Brunnen schöpfen, die schon da sind?" Die Wahrheit besteht. Vielleicht habt ihr das Buch "Naam oder das Wort" gelesen. Es enthält Hinweise, Zitate aus allen Re­ligionen. Was braucht man mehr? Es ist traurig, dass wir es vergessen haben. Wir beten denselben Gott an – nennt Ihn, wie ihr wollt, das ist gleichgültig. Uns geht es um die Wirklichkeit, die man mit so vielen Namen benennt. Ob man nun auf Englisch "water" sagt oder "aqua" auf Latein oder ein Wort, das andere Sprachen dafür haben, ist gleichgültig – alle beziehen sich auf die Flüssigkeit, die damit gemeint ist. Solange wir diese Flüssigkeit nicht haben, nützt es nichts, die verschiedenen Worte dafür zu wie­derholen. Es richtet höchstens unsere Aufmerksamkeit auf das flüssige Etwas – doch erst, wenn man es trinkt, ist der Durst gelöscht!

Die Wahrheit besteht. Sagt mir, wer kann abstreiten, dass alle Menschen auf die gleiche Weise geboren werden? Gibt es jemanden, der das bestreitet? Die Brahmanen sagen: "Wir sind von Ge­burt aus mit besonderen Vorrechten von Gott ausgestattet." Kabir, der große Heilige, fragte einst die Brahmanen ganz offen und direkt: "Wenn ihr besser seid als alle anderen, warum seid ihr dann nicht auf andere Weise auf die Welt ge­kommen?" Alle Menschen sind gleich. Ihr äußerer Aufbau ist derselbe, sie ha­ben zwei Augen, zwei Ohren, zwei Hän­de und zwei Füße. Sie werden alle auf dieselbe Art geboren, und auch all die anderen äußeren Dinge sind gleich für sie. Wir sind es, die Unterschiede ma­chen. Wir schaffen die Trennungen von Mensch zu Mensch.

Wenn die Meister kommen, betrach­ten sie alles vom universalen Standpunkt aus, sie sehen die ganze Menschheit als ihre Familie. Als die vier Söhne Guru Gobind Singhs im Kampf getötet wur­den, fragte ihn seine Frau, als er zurück­kam: "Wo sind meine Kinder?" Er ant­wortete: "Sei nicht traurig, vier haben ihr Leben verloren, doch so viele andere leben noch." Das ist der Blickwinkel, den die Meister haben. Sie betrachten al­les vom Standpunkt des Menschen Kör­pers oder der verkörperten Seele aus. Als Menschen sind wir alle eins.

Natürlich trage ich äußerlich die Kennzeichen (der Sikh-Religion), und ihr tragt die Kennzeichen (eurer christli­chen Religion). Trotzdem sind wir zuerst Menschen. Wir haben alle dieselben Schwierigkeiten: Unsere Seele wird vom Gemüt beherrscht, das Gemüt wiederum von den Sinnen, die uns nach außen zie­hen, und wir alle hängen an den äußeren Vergnügungen.

Es heißt, dass der Körper der Tempel Gottes ist. Wir befinden uns im Körper, und es gibt eine Kraft, die uns darin fest­hält; denn sonst könnten wir aus ihm entkommen. Aber das geht nicht. Solan­ge wir uns also nicht von außen zurück­ziehen, solange unsere Aufmerksamkeit nicht von außen zurückgezogen wird, können wir unser eigenes Selbst nicht er­kennen. Und bevor wir uns nicht selbst erkannt haben, wissen wir nichts über die Kraft, die im Körper über uns wacht. Wo ist also der Unterschied?

Gott ist Licht! Alle Meister sagen: "Gott ist Licht." Natürlich verwenden sie jeweils ihre eigenen Worte dafür. Manche nennen das Licht "Jyoti", man­che sagen, es sei "Noor", manche nen­nen es "die in Licht gekleidete Wahr­heit". Worin liegt der Unterschied? Zoroaster gab die Anweisung, dass seine Schüler in ihrem Haus ständig ein Feuer brennen haben sollten. Was für ein Feu­er? Das Feuer, das nicht angezündet werden muss: "Sarosha". Ich möchte da­mit sagen, dass ich nichts Neues verkün­de, keine neue Religion, kein neues Kon­zept. Es ist die alte, alte Wahrheit, die von jeher ein und dieselbe ist. Wir haben sie vergessen, deshalb kamen die Mei­ster, um sie wieder zu beleben. Und diese Zeit ist wieder da. Wir haben so viele Re­ligionen. Warum gibt es aber so viele Re­ligionen, wenn die Wahrheit eine ist? Es gibt einen Grund dafür: Für Menschen, die die Wahrheit erkannt haben, gibt es keine Unterschiede, doch für die, die die Wahrheit nicht erkannt haben, gibt es Gruppen und abgegrenzte Sekten mit ih­ren weiteren Abspaltungen usw. Diese werden von Tag zu Tag mehr. Es liegt offensichtlich daran, dass wir die Wahr­heit nicht erkannt haben – sie nicht selbst gesehen haben, das ist alles. Wenn Meister kommen, gründen sie keine neu­en Religionen. Sie weisen darauf hin, dass es bereits schon viele Religionsge­meinschaften gibt und sagen: "Bleibt in eurer eigenen Gemeinschaft; ihr habt da­mit den ersten Schritt getan. Doch nun müsst ihr den weiteren Schritt tun, auf den eure Schriften hinweisen, den wir je­doch vergessen haben."

Was geht heutzutage vor auf diesem Gebiet? Ich besuchte den Ordensherrn der Templer. Er hatte mich eingeladen. Es ging um die Einführung neuer Temp­ler in den Orden. Normalerweise ist es niemandem gestattet, dabei zu sein, doch in Deutschland lud man mich aus­drücklich dazu ein. Die, die Templer werden sollten, mussten sich erheben. Ei­ne Kerze wurde entzündet und vor ihnen aufgestellt. Dann wurde ihnen der Tradi­tion gemäß etwas überreicht. Schließlich wurde ihnen ein Schwert auf das Haupt gelegt. Was sollte das bedeuten? dass wir uns selbst kreuzigen müssen, um das Licht zu erlangen. Doch die innere Be­deutung ist jetzt vergessen, und man weiß nicht, wie man sich selbst kreuzigt, wie man das Kreuz täglich auf sich nimmt. Das ist das Kreuz: (Meister streckt Seine Arme weit aus, so dass Sein Körper ein Kreuz darstellt). Ist das nicht das Kreuz? Nehmt das Kreuz täglich auf euch: Erhebt euch über das Körperbewusstsein und seht das Licht im Inneren! Das heißt, ein echter Templer zu werden. In jeder Religion sind die gleichen Dinge zu finden. An allen Orten, wo Gott verehrt wird, werdet ihr dieselben Symbole vorfinden: die Symbole von Licht und Ton. Solange wir uns nicht über das Körperbewusstsein erheben – das Kreuz täglich auf uns nehmen – können wir das Licht nicht sehen und die Stimme Gottes nicht hören. Ich garantie­re euch: Ich bringe keinen neuen Glau­ben. Seid euch dessen bewusst und ver­steht die Dinge nicht falsch. Bleibt in eu­rer eigenen Religion, doch versucht, mehr zu verstehen. Leider haben unsere Priester auch kein vollständiges Wissen in diesen Dingen.

In Rom hatte ich im Vatikan ein lan­ges Gespräch mit dem Bischof, der für nichtchristliche Religionen zuständig war – zwei oder drei Stunden lang. Nach diesem Gespräch sagte er: "Was Sie sagen, ist richtig!" Ich sagte zu ihm: "Gut, nachdem Sie nun erkannt haben, dass das die wahre Lehre Christi ist, wa­rum stellen Sie die Dinge (in der Kirche) dann nicht richtig?" Ich gab ihm das Beispiel von Papst Johannes: Wenn er etwas vorhatte, zog er niemals seine Rat­geber hinzu, sondern gab einfach die Anweisung: "Tut das!" Ich sagte zu ihm: "Wenn Papst Johannes das konn­te, warum ist es dann nicht auch jetzt möglich?" Er gab mir zur Antwort: "Wenn wir das heute so machen wür­den, wäre die Hälfte der Bischöfe dage­gen. Wir werden sie zu gegebener Zeit umstimmen!"

Wahrheit ist Wahrheit! Jeder erwach­te Mensch erkennt das. Etwas anderes ist es, wenn manche im Übereifer für ihr eigenes System denken, sie seien die einzi­gen, die die Wahrheit haben. Im Islam denkt man, dass nur Menschen, die als Moslems geboren wurden, die Wahrheit haben. Auch die Christen denken viel­leicht, dass außer Christus niemand mit der Wahrheit in die Welt kam. Nun, Wahrheit bleibt Wahrheit.

Gestern besuchte ich die Unity-Kirche. Ich fragte den Priester dort nach ihren Lehren. Er gab mir ein kleines Heft, das ich las. Es heißt darin: "Christus lebte vor Jesus." Genau diese Worte: "Chri­stus lebte vor Jesus." Wer ist Christus? Als ich das letzte Mal, im Jahr 1955, hier war, stellte mir jemand die Frage: "Wann kommt Christus wieder?" Ich antwortete ihm: "Hat Er euch denn je­mals verlassen?" Das ist der springende Punkt. Christus sagte: "Ich werde euch nicht verlassen noch versäumen bis zum Ende der Welt!" Wenn Er uns nicht ver­lassen hat, warum dann die Frage nach Seiner Wiederkehr? Ich las damals das kleine Heft. Ich habe es auch jetzt bei mir. Es heißt darin: "Christus lebte vor Jesus."

Christus ist die Gotteskraft oder Mei­sterkraft, die immer von neuem kommt, um die in den Kinderschuhen steckende Menschheit zu leiten. Diese Kraft kam bereits vor Jesus Christus, vor Buddha, Guru Nanak und anderen. Wir sind alle Seine Kinder. Wie sollte es möglich sein, dass Er sich zu irgendeiner Zeit um Seine Kinder nicht kümmert?

Was ist mit denen, die vor Jesus Chri­stus, Guru Nanak oder anderen geboren wurden? Was ist ihr Schicksal? Und was ist mit denen, die nach ihnen kamen? Lasst uns einen Augenblick lang annehmen, dass alle, die an diese Meister glau­ben, gerettet werden. Aber was ist mit denen, die vor ihnen da waren? Sind sie dann alle verdammt? Das ist jetzt rein vom gesunden Menschenverstand aus betrachtet – Tatsachen bleiben Tatsa­chen. Jeder erwachte Mensch erkennt das. Was ich sagen möchte: Wir sind alle Kinder Gottes.

Wir alle sind zuerst Menschen – ver­körperte Seelen. Die Seele ist vom Wesen her Gott gleich, und die gleiche Kraft wacht über uns im Körper und hält uns in ihm. Der menschliche Körper ist die goldene Gelegenheit, die wir erhalten ha­ben, um Gott zu erkennen. Doch um Gott zu erkennen, müssen wir erst uns selbst erkennen. Denn nur die Seele, das bewusste Wesen, kann Ihn erkennen; nur Gleiches kann Gleiches erkennen. Man kann Ihn nicht mit den nach außen ge­richteten Sinnen erkennen, noch mit dem Verstand, noch durch Beherrschen der "Pranas" (Atemströme). Das ist eine Tatsache.

Die Gotteskraft ist immer da und auch die Sohnschaft besteht immer. Nur weil uns praktisch verwirklichte Men­schen fehlen, versteifen wir uns in unse­rem Eifer auf bestimmte Dinge. Was sind die Folgen? Religionskriege, in de­nen Tausende von Menschen getötet werden. Ich versuche, euren Blickwinkel zu erweitern. Sagt die Bibel nicht, dass Gott nicht in Tempeln wohnt, die von Menschenhand erbaut sind? Was sagt ihr dazu? Wir achten alle heiligen Stätten der Verehrung, weil sich dort die Menschen in liebevoller Erinnerung an Gott versammeln. "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind", sagte Christus, "bin ich mitten unter ihnen."

Wer ist Christus? Christus ist die Got­teskraft. Nennt diese Kraft "Christus-Kraft" oder "Guru-Nanak-Kraft" oder "Kabir-Kraft" – es ist die Gotteskraft, die sich in menschlichen Polen offenbar­te, um die in den Kinderschuhen steckende Menschheit zu leiten. Wir ach­ten sie alle.

Bitte seid euch also bewusst, dass das kein neuer Glaube ist – es gibt bis heute hier keine äußeren Glaubenskennzei­chen. Solange ich bin, werde ich das nicht zulassen. Wenn Menschen nach mir das tun, ist das ihr eigenes Schicksal. Doch seid euch bewusst, dass es kein neu­er Glaube ist. Es ist einfach eine gemein­same Basis, "spirituelle Versammlung" genannt, auf der Menschen aller Religio­nen zusammenkommen – hier (im We­sten) sind es zeitweise hunderte, in In­dien tausende – aus allen Glaubensrich­tungen, aus allen Religionen. Es wird ih­nen einfach ein ethisches Leben, ein Le­ben der Reinheit gelehrt und die Verbin­dung mit Gott gegeben, das ist alles.

Wenn man auf die eine oder andere Art betet oder bestimmte Zeremonien ausführt, ist das der erste Schritt. Diese Dinge sind dazu gedacht, dass man Liebe und Hingabe entwickelt. Es ist der erste Schritt, und es ist gut so.

Der nächste Schritt ist dann, die wah­re Bedeutung der Schriften zu verstehen, die wir haben. Um die heiligen Schriften jedoch in ihrer tatsächlichen Bedeutung verstehen zu können, brauchen wir je­manden, der die Erfahrung, (die darin beschrieben wird), gemacht hat, der die­sen Weg gegangen ist. Aus diesem Grund habe ich Liebe für alle.

Die Hindus bitten mich, zu ihnen zu kommen; ich besuche sie und zitiere aus ihren Schriften. Ich gehe in die Sikh-Tempel – auch hier in Vancouver war ich dort. Ich sage: "Das und das steht in euren Schriften." Versteht ihr, was ich sagen möchte? Die Menschen denken, ihre eigene Religion sei noch etwas Neu­es. Die äußeren Gemeinschaften oder Religionen unterscheiden sich natürlich alle voneinander, aber die innere Wahr­heit ist dieselbe. Ich gehe in die verschie­denen Kirchen: Ich bin mit den orthodo­xen Christen zusammengekommen, mit den Kopten, mit den Byzantinern, mit den Protestanten, mit den römisch ­katholischen Christen und mit den Ju­den. Das grundlegende Prinzip ist bei al­len dasselbe. In einer Synagoge hielt ich eine Rede. Wisst ihr noch, wie sie zu­stimmten? Moses hörte die zehn Gebote in Licht und starkem Donner. Die Schriften berichten das. Es ist traurig, dass wir die Wahrheit vergessen haben; das ist alles.

Nun, es gibt nur eine Wahrheit. Weil uns praktisch verwirklichte Menschen fehlen, denken wir, wir wüssten die Din­ge besser. Wenn ihr in eine Schule geht, habt ihr dabei das Ziel, durch die Ausbil­dung einen bestimmten Abschlussgrad zu erreichen. Wenn ihr die Schule oder das College dann verlasst, habt ihr diesen Abschluss. Würdet ihr bei dem Abschlussgrad, den ihr erreicht habt, ver­merken: "Abitur erhalten an einer christlichen Schule" oder "Abitur erhal­ten an einer hinduistischen Schule"? Das schreibt ihr nicht dazu. Ähnlich gibt es in der Spiritualität einen Abschlussgrad – unsere Schriften weisen darauf hin, aber wir haben das vergessen.

Wir brauchen jemanden, der den Weg (zu Gott) kennt, das ist alles. Er kennt den Weg und kann uns die Erfahrung geben, die wir brauchen. Auch die ver­gangenen Meister brauchen wir: Wären sie nicht gekommen, so hätten wir jetzt nicht ihre Schriften. Ihre Schriften be­zeugen das, was gesagt wird. Und doch sage ich: Ein Meister, der den Weg kennt, ist nicht abhängig von den Schrif­ten. Er kennt den Weg auch ohne sie, und er kann diesen Weg anderen öffnen.

Wenn er die entsprechenden Aussagen aus den Schriften heranzieht, dann ein­fach, damit die Menschen zufrieden sind, wenn ihnen klar wird: "Wirklich, das sind unsere eigenen Lehren!" Das ist alles. Es ist eine Sache der Praxis.

Danke – es ist kein neuer Glaube, sei dir dessen bewusst, lieber Freund.

Frage: Ihr sagt: "Gott ist Liebe." Liebe bringt uns ins Herzzentrum, die Wissen­schaft der Seele jedoch beginnt erst am 6. Chakra, wobei ja noch ein Zentrum dazwischen liegt. Wie ist das zu verste­hen?

Sant Kirpal Singh: Manchmal sind Worte irrefüh­rend. Die Seele ist personifizierte Liebe. Gott ist Liebe und auch die Seele ist Liebe, da sie in ihrem Wesen Gott gleich ist. Das Herz im physischen Körper ist hier (Meister zeigt auf Sein Herz), und das der Heiligen ist hier (Meister zeigt auf Seine Stirn). Versteht ihr? Es heißt, die Spiritualität sei eine Sache des Herzens, nicht des Kopfes.

Das bedeutet, dass die Heiligen hier unterscheiden: "Kopf" bedeutet in die­sem Fall: der Verstand, nicht der physi­sche Kopf, und "Herz" bedeutet: unser eigentliches Selbst. Liebe ist unserer See­le eingeboren. Sie ist unserer Seele und nicht einem bestimmten Teil des Körpers eingeboren.

Was ist diese kleine Maschinerie unse­res Herzens? Sie ist nur eine Handvoll Fleisch. Wenn wir sterben, bleibt es hier zurück. Bestünde es aus Liebe, würde diese Liebe weiterhin ausstrahlen, auch wenn das Herz beim Tod hier zurück­bleibt. Ist das der Fall? Wenn jemand gestorben ist, wenn seine Seele den Kör­per verlassen hat, ist dann noch Liebe in seinem Herzen? Die Liebe ist also unse­rer Seele eingeboren, und der Sitz der Seele ist hinter den Augen; von dort aus belebt sie den ganzen Körper.

Im Körper gibt es sechs Ganglien oder feinstoffliche Zentren, die die Meister je­doch nicht berühren. Sie erheben euch direkt zum Sitz der Seele und lassen euch von dort aus beginnen. Was für ein gro­ßes Zugeständnis ist das!

Frage: Die Meister sprechen von fal­schen Yoga-Übungen, die die Kräfte an der Wirbelsäule entlang nach unten führen. Könnte Ihr das etwas genauer er­klären?

Sant Kirpal Singh: Es gibt unterschiedliche Wege. Es gibt gottgeschaffene Wege und Wege, die der Mensch erdacht hat. Wir leben jetzt in einer anderen Zeit. Es gibt so vie­le verschiedene Yogasysteme, die in den früheren Zeitaltern eingeführt wurden. Es gibt vier Zeitalter: das Goldene, Sil­berne, Kupferne und Eiserne Zeitalter. Es wird berichtet, dass diese Yogaformen im Goldenen Zeitalter praktiziert wur­den. Damals lebten die Menschen bis zu einer Million von Jahren. So steht es zu­mindest in den Hindu-Schriften. Ein Rishi, mit Namen Singhi, übte achtundachtzigtausend Jahre lang Yoga-Übungen und – verzeiht, ich brauche es nicht näher zu erläutern, aber in den Schriften wird berichtet, dass er das sinn­liche Verlangen nicht beherrschen konn­te und einen Sohn bekam. Selbst nach achtundachtzigtausend Jahren, die er auf diese Art übte, war er nicht fähig, seine Sinne zu kontrollieren! Versteht ihr?

Danach, im darauffolgenden Zeital­ter, verkürzte sich die Lebensspanne auf zehntausend Jahre. Selbst unter diesen Bedingungen könnten wir nicht mehr als ein-, zwei- oder dreitausend Jahre für die Übungen einsetzen. Im Kupfernen Zeit­alter wurde die Lebensspanne auf tau­send Jahre reduziert, aber sogar dann könnten wir nicht mehr als zwei-, drei­hundert Jahre für die Übungen einset­zen. Heutzutage lebt man im Durch­schnitt nicht länger als sechzig oder siebzig Jahre. Wie können wir dann heute nach Systemen üben, die in alten Zeiten eingeführt wurden? Wir sind von vorn­herein, allein von der Lebensspanne her, nicht dafür geeignet. Es sind lange We­ge, die zeitaufwendig und auch gefähr­lich sind. Die Meister lassen das Pranasystem ganz unberührt. Ihr habt den na­türlichen Yoga bekommen: Er verlangt nur, dass ihr physisch und intellektuell still werdet, dann werdet ihr ein wenig erhoben und erkennt eure Seele.

Ihr seid vom selben Wesen wie Gott. Das (der direkte Weg zu Gott) – ist ein Zugeständnis, das der Zeit gemäß gege­ben wurde. Die Meister haben es so ein­geführt. Bei aller Achtung für diese We­ge – aber sie sind schwierig und wir sind nicht dafür geeignet. Du hast von der Kundalini-Kraft gesprochen. Die Kundalini erhebt sich vom Rektum, geht durch die Wirbelsäule und endet im Kopf. Dieser Weg ist viel länger. Wenn man das praktiziert, scheint es, als ob der ganze Körper von Kopf bis Fuß wie Feuer brennt. Dafür gibt es dann kein Heilmittel. Nur ein sehr starker Mensch könnte das aushalten.

Vor drei Jahren kam in Indien einmal jemand zu mir, der Kundalini-Yoga ge­übt hatte. Er brannte von Kopf bis Fuß – die Kundalini-Kraft war erwacht. Er sagte: "Ich habe große Probleme, und ich kann nichts machen. Ich war schon bei Hunderten von Leuten, keiner kann mir helfen." Ich sagte zu ihm: "Bitte, lass diese Übungen jetzt sein. Deine Aufgabe liegt darin, hierher (zum Sitz der Seele) zu kommen. Warum nimmst du nicht den direkten Weg, den natürlichen Weg?" Ich ließ ihn zur Meditation sit­zen, er wurde initiiert, und alle seine Schwierigkeiten waren beseitigt.

Warum den längeren Weg wählen? Ihr habt heute Flugzeuge, warum wollt ihr dann mühsam zu Fuß gehen? Die Zeiten haben sich geändert. Natürlich, es gibt verschiedene Wege, aber – ohne zu übertreiben: Wir sind nicht fit dafür. Heute saßen drei Kinder zur Meditation. Sie sahen Licht und hörten die Glocken, den Donner und den Klang der Trom­meln. Bei den anderen Wegen könnt ihr es nicht selbst prüfen, aber hier könnt ihr selbst sehen. Die Yogis können die Spiritualität nicht gleich unter Beweis stellen, so wie ihr bei diesem Weg. Sie werden zu euch sagen: "Macht mit den Übungen weiter, Ergebnisse werden sich zu gegebener Zeit einstellen." Doch bei diesem Weg kann jeder selbst prüfen und mit eigenen Augen sehen – unge­fähr innerhalb einer halben Stunde! Das wird den Menschen gegeben, um die Notwendigkeit der Zeit zu erfüllen. Das ist das letzte Zugeständnis von Gott, möchte ich sagen – für diejenigen, die wirklich nach Ihm suchen. Das ist alles.

Frage: Wird die Lebensspanne des ein­zelnen Menschen bereits bei der Geburt festgelegt?

Sant Kirpal Singh: Ja.

Frage: Gibt es keine Möglichkeit, das Leben zu verlängern oder zu verkürzen?

Sant Kirpal Singh: Doch. Man kann es verlängern, man kann es verkürzen, doch es ist genau vorherbestimmt. Alle Meister sagen das. Auch Christus sagte: "Deine Tage sind gezählt." Unser Lebensalter ist fest­gesetzt, jedoch nicht nach der Zahl der Jahre, Monate oder Tage, die wir leben, sondern nach der Zahl der Atemzüge. Versteht ihr? Wenn wir unsere Atemzü­ge richtig gebrauchen, können wir unser Leben verlängern, gebrauchen wir sie falsch, wird unser Leben kürzer. Wir at­men normalerweise acht- bis zehnmal in der Minute. Wenn wir aufgeregt werden, atmen wir achtzehn- bis zwanzigmal. Verkürzt das nicht euer Leben? Führt man ein ausgeglichenes Leben, atmet man drei- bis viermal in der Minute – das verlängert es. Übt man Kumbhak, so lernt man, die Atmung anzuhalten. Ich habe Menschen getroffen, die ihren Atem zwei Stunden lang anhalten konn­ten. Ich habe sogar Menschen gesehen, die sieben Tage lang abgeschlossen unter der Erde waren, man verlängert auf die­se Art sein Leben. Doch die Meister empfehlen diesen Weg nicht, denn wir müssen uns spirituell entwickeln. Wenn man so etwas tut, kann man sich spiri­tuell nicht entwickeln. Man kann ande­ren Wunder damit zeigen, doch eigent­lich sollte sich unser inneres Leben än­dern. Ihr müsst mit dem Licht- und Ton­prinzip in Verbindung kommen.

So kann also euer Leben verlängert oder verkürzt werden, jedoch nicht über die vorherbestimmte Anzahl der Atem­züge hinaus.

Frage: Habt Ihr in Indien jemanden, den Ihr unter Eurer direkten Anleitung dafür schult, Euer Werk fortzusetzen, wenn Ihr die physische Ebene verlasst?

Sant Kirpal Singh: Ja – ich schule so viele, lasst uns sehen, wen Gott auserwählt! Genau gesagt: Auch im Meister ist es die Got­teskraft selbst, die durch ihn wirkt, seid euch dessen bewusst! Das alles ergibt sich von selbst, wenn Gott es wünscht, seht ihr. Mein Wunsch ist, dass jeder einzelne von euch ausgewählt wird! Doch dafür müsst ihr den Anforderungen gerecht werden. Mein Wunsch ist, dass jeder von euch ein Botschafter wird – ja!

Ich habe euch erzählt, wie letztes Mal, 1955, zwei Kinder zu mir kamen. Ich las­se sie normalerweise (zur Meditation) sit­zen, und sie erhalten ein wenig Licht usw. Danach stellte ich ihnen eine Frage: "Was ist euer Ziel?" Sie antworteten: "Wir wollen Meister werden." – "Gut", sagte ich zu ihnen, "ihr seid jetzt auf den Weg gestellt. Macht weiter, viel­leicht werdet ihr zu Meistern erwählt!" Diese Auswahl wird nicht von Menschen auf der Erde getroffen, so wie zum Bei­spiel ein Präsident oder Minister oder sonst jemand von unten, vom Volk ge­wählt wird. Dies ist eine Auswahl, die Gott trifft, versteht ihr?

Frage: Meister, kannst Du uns bitte Prinzip und Wichtigkeit des Simran er­klären?

Sant Kirpal Singh: Nun, das ist ganz einfach zu verstehen. An wen denkt ihr? Denkt ihr nicht an den, den ihr liebt? Was ist die beständige Erinnerung, das liebevolle Denken an jemanden? Es ist das Zeichen dafür, dass man jemanden liebt. Liebst du jemanden, dann musst du die ganze Zeit an ihn denken, vielleicht verraten eure Lippen es nicht, aber im Herzen ist es so. Wenn du nun zu jemandem Liebe entwickeln willst, dann denke beständig an ihn, und die Liebe wird sich ent­wickeln; das ist alles.

Warum praktizieren wir Simran oder die liebevolle Wiederholung von Gottes Namen als ersten Schritt auf diesem Weg? Weil die Eindrücke, die über unse­re Sinne von der Welt in uns eingeströmt sind, uns nun bis zum Überfließen erfül­len. Das Reservoir unseres Unterbewusstseins strömt über von weltlichen Ein­drücken. Sie entstehen durch das Den­ken an äußere Dinge. Wir wollen dieses Reservoir leer machen und es mit dem liebevollen Denken an Gott füllen – so sehr, dass es sich sogar auf unsere Träu­me auswirkt und wir noch im" Tiefschlaf Seinen Namen wiederholen. So liebevoll an Gott zu denken ist der erste Schritt, um das Reservoir unseres Unterbewusstseins leer zu machen, das jetzt von weltli­chen Eindrücken überströmt. Der näch­ste notwendige Schritt ist, ganz offen ge­sagt, die Reinheit des Herzens: Wenn nichts anderes als die Liebe, das liebevol­le Denken an Gott in eurem Herzen ist, dann habt ihr ein reines Herz. Und ein solches Herz ist die Voraussetzung für jemanden, der zu Gott kommen möchte.

Simran, das liebevolle Denken an Gott, ist also der erste Schritt, wenn ihr den spirituellen Weg aufnehmen wollt. Alle Meister haben gesagt: "Liebt Gott!" – nicht wahr? Und wie? "Von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit deinem Gemüt und mit all deiner Kraft." Was bedeutet es also, Gott zu lieben? An Ihn zu denken. Natürlich denkt man an den, den man liebt. Wenn ihr jemanden lieben wollt, dann tragt ihn in eurem Herzen, und das hat eine Wir­kung auf ihn. Das ist etwas ganz Natürli­ches. Was meinte Christus, als er sagte: "Lasst meine Worte in euch wohnen, und wohnt ihr in mir." Der erste Teil der Aussage ist verständlich, doch wie könnt ihr in Ihm wohnen? Wenn ihr an jeman­den denkt und euch liebevoll an ihn erin­nert, löst das natürlich eine Reaktion in ihm aus. Die Auswirkung ist da – seht ihr. Wenn ihr in Ihm wohnen möchtet, so braucht ihr nur liebevolles Denken an Ihn zu entwickeln. Ihr erinnert euch an Ihn – ihr denkt an Ihn. Wenn ihr an Ihn denkt, werdet ihr so, wie Er ist. "Wie du denkst, so wirst du." So kann man also "in Ihm wohnen". Weiter sagt er dann: "Was immer ihr erbittet, soll euch gegeben werden." Das ist der erste Schritt. Es ist das Prinzip, auf dem Sim­ran oder die Wiederholung oder das lie­bevolle Denken basiert – nennt es, wie ihr wollt: "Wie du denkst, so wirst du."

Frage: Meister, ich glaube, mein größtes Problem ist, unsere Feinde oder die, die anderer Meinung sind, zu lieben.

Sant Kirpal Singh: Ich glaube, das ist das größte Problem von uns allen. Doch die Sache ist die: Wenn wir wissen, dass der andere dieselbe Seele hat, die aufgrund be­stimmter Umstände vom Gemüt fehlge­leitet ist, wenn wir das erkennen, nur dann können wir unsere Feinde lieben. Im Augenblick jedoch müsst ihr manch­mal zu jemandem etwas sagen.

Guru Gobind Singh wurde in seinem Leben gezwungen, dem Angriff feind­lich gesinnter Menschen entgegenzutre­ten, um unschuldiges Leben zu schützen. Man kämpfte damals mit Pfeilen. Was tat Guru Gobind Singh? Er befestigte ein wenig Gold an jeder Pfeilspitze, damit der, den der Pfeil traf, die Mittel für eine Behandlung hatte. Ein Pfeil tötet einen Menschen nicht gleich, er verwundet ihn nur. So befestigte er also Gold an den Pfeilspitzen, damit der Verwundete Geld für seine Behandlung hatte. Das heißt, seine Feinde zu lieben.

Frage: Manchmal kommen Leute, die ein Armutsgelübde abgelegt haben; sie wollen besitzlos sein. Nun ist die Frage, wieviel Besitz darf man haben?

Sant Kirpal Singh: Das ist eine gute Frage – die Welt ist voller Heuchler. Wir sollten uns vor Heuchelei hüten. Man kann tatsäch­lich von ein oder zwei Laiben Brot leben. Wenn wir einfach leben, brauchen wir höchstens ein oder zwei Dollar am Tag. Den Rest von dem, was wir verdienen, geben wir für unsere Kinder, Freunde oder andere aus. Selbst wenn wir Millio­nen hätten, müssten wir sie beim Tod hier zurücklassen; wir verbrauchen ei­gentlich nur das, was wir für Kleider und Essen ausgeben.

Alle Meister sagen, man sollte seinen Lebensunterhalt durch harte Arbeit im Schweiße des Angesichts ehrlich verdie­nen. Verwendet für euch, was ihr für euren Lebensunterhalt braucht und teilt dann mit anderen. "Day" heißt in Punjabi "Körper des Menschen". Aber "Day" bedeutet auch: "Geben". Kabir sagt: "Solange du 'day' oder den Körper hast, gib, gib, gib!" Was wir verdienen, sollten wir nicht nur für uns allein ver­wenden. Deshalb habe ich euch in den Rundbriefen gebeten: "Lebt einfacher – einfacher – und noch einfacher." Wir sollten unsere Wünsche reduzieren. Erst dann haben wir Geld zur Verfü­gung, um anderen zu helfen. Die Leute sagen, ihr Geld reicht nicht einmal für sie selbst. Warum? Weil ihre Wünsche über ihr Einkommen hinausgehen. Wenn ihr euch nicht einschränkt, könnt ihr anderen nicht helfen. Damit ist aber nicht gemeint, dass euch selbst nichts mehr zum Leben bleibt. Erhaltet euch und eure Familie und versucht, mit an­deren zu teilen, gleich, wie wenig es ist – und sei es nur ein Cent. Euer Selbst dehnt sich dadurch aus. Gebt, gebt – gebt! Liebe kennt Dienen und Opfern.

Wenn ihr Gott und die ganze Mensch­heit liebt, wisst ihr auch, wie man ande­ren dient, die keine Kleidung haben, die hungrig und durstig sind, die notleidend oder krank sind. Ein Mensch ist, wer für andere lebt, seid euch dessen bewusst. Die Tiere leben nur für sich. Was ist der Unterschied, wenn wir genauso leben? Was sagte Christus? "Wer nach Ihm sucht und das Königreich Gottes betre­ten will, verteile seinen Besitz an die Ar­men und folge mir nach." Weiter sagte er: "Denn es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher eingeht ins Reich Gottes." Das be­trifft die Menschen, die an die Welt ver­haftet sind und sich den äußeren Ver­gnügungen hingeben. Statt dessen kann man aber auch ein einfaches Leben füh­ren; das ist gleichzeitig gesund – erhal­tet eure Gesundheit! Der Körper ist der Tempel Gottes. Je länger ihr ihn habt, um so besser, denn nur im menschlichen Körper könnt ihr Gott erkennen. Wir können innerhalb des Notwendigen le­ben, und mit dem, was ihr sparen könnt, könnt ihr anderen helfen. Anders ist es nicht möglich. Das ist ein Naturgesetz.

Frage: Wäre es dann nicht besser, das Haus zu verkaufen und in eine kleinere Wohnung zu ziehen und damit Geld zu sparen?

Sant Kirpal Singh: Warum das Spiel verderben? Lass es dabei, aber lerne in der Zukunft, etwas einzusparen. Das ist alles. Wenn die Not es wirklich verlangt, dann musst du vielleicht einmal deinen Besitz ver­kaufen – sollte es die Not verlangen! Wenn Tausende verhungern, dann ver­kaufe alles für sie, das ist ein Gebot der Liebe. Doch das ist nicht der Regelfall. Das heißt dann, alles um der anderen willen aufzugeben. Es setzt einen sehr hohen Entwicklungsstand voraus. Wenn du jetzt alles verkaufst, wo willst du dann leben? Wenn du woanders leben kannst, ist es in Ordnung. Doch wir kön­nen zumindest unser Leben in Zukunft anders gestalten. Wenn ihr genug habt, um etwas einzusparen, könnt ihr mit an­deren teilen. Es gibt keine feststehenden Regeln dafür.

Liebe kennt Dienen und Opfern.

Kommentar: Meister, jetzt seid Ihr schon anderthalb Stunden hier.

Sant Kirpal Singh: Ja, wenn wir so miteinander sprechen, verfliegt die Zeit. Doch es klä­ren sich viele Dinge im Gespräch, die nicht so klar in den Büchern und Schrif­ten stehen, auch wenn Hinweise zu fin­den sind.