Von Sant Kirpal Singh, aus dem Buch "Spirituality – what it is", Kapitel 6

 

Spiritualität ist ein anderer Name für Surat Shabd Yoga. Mit anderen Worten: Sie bedeutet die Vereinigung von Surat (Bewusstsein oder Seele) mit Shabd (Tonprinzip, Tonstrom oder die wirkende Gotteskraft). Es ist eine innere Erfahrung der Seele und überschreitet weit das, was uns verschiedene Glaubensrichtungen und Religionsgemeinschaften zu sagen haben oder uns zu geben versprechen. Diese Wissenschaft ist als Sant Mat oder der Pfad der Meister bekannt. Sie berichtet uns von den Grundbegriffen der Spiritualität und übertrifft bei weitem die Religionen, die in diesem Zeitalter bekannt sind: Diese lehren uns lediglich Theorien und Glaubensgrundsätze und befassen sich vielfach mit Gaukelei und übernatürlichen Kräften etc.. Eine Wissenschaft ist keine echte Wissenschaft, wenn sie nicht zu vernünftigen Schlussfolgerungen kommt. Blinder Glaube und blindes Vertrauen haben keinen Platz in einer spirituellen Wissenschaft, die Resultate mit mathematischer Genauigkeit ausarbeiten sollte – wie jede andere Wissenschaft auch. Wo und wann immer Menschen in dieser Wissenschaft experimentieren, haben sie alle ihre Erfahrungen bekannt gegeben und sind zu den gleichen Ergebnissen gekommen.

Das spirituelle Leben besteht darin, dass man Schicht um Schicht der verschiedenen Koshas oder Hüllen ablegt – die physische, die astrale und die kausale – die den Geist bedecken, bis er in seiner ursprünglichen Pracht, aus sich Selbst strahlend und schattenlos, leuchtet, zu sich kommt und sagt: Ich bin die Seele, Aham Brahm asmi (Ich bin Brahma) oder Tat twam asi (Ich bis so, wie du bist). Ich bin ein Tropfen aus dem Ozean des Allbewusstseins.

Erst wenn dieses Bewusstsein dem Geiste dämmert, eilt er ungestüm seiner Quelle oder seinem Ursprung entgegen – dem Ozean ewiger Glückseligkeit. Dies wird Jivan Mukti (Erlösung im Leben oder Ewiges Leben) genannt. Wenn der Mensch in der Farbe Gottes gefärbt ist, offenbart er wahrlich die Gottheit in Gedanken, Worten und Taten. Er wird so zur immerwährenden Quelle des Leben, der Liebe und des Lichtes für die gesamte Menschheit.

Vater und Sohn sind in der gleichen Farbe gefärbt;
Und handhaben dasselbe Gesetz für die Menschheit.

Guru Granth Sahib Rag Bhairon M.5

Der arme Nanak ist das Sprachrohr seines Geliebten.
Guru Granth Sahib Rag Gauri Sukhmani M.5

O Lalo, ich öffne den Mund nur, um die Gedanken auszudrücken
oder ihnen freien Lauf zu lassen, die sich ungedacht in mir erheben.

Guru Granth Sahib Rag Tilang M.1

Wenn immer eine Meisterseele den Mund öffnet,
tut Er es, um die Worte Gottes oder Allahs zu sagen,
obwohl die Stimme menschlich zu sein scheint.

Maulana Rumi

Christus sagt:

Ich und mein Vater sind eins . . .
Joh. 10,30

Alle Dinge sind mir von meinem Vater gegeben . . .
Matth. 11,27

Ich bin im Vater, und der Vater ist in mir.
Joh. 14,11

Die Worte, die ich zu euch rede, die rede ich nicht von mir.
Der Vater aber, der in mir wohnt, der tut die Werke.
Joh. 14,10

Wenn ein Wassertropfen seine Identität im Ozean verliert, wird er ein einheitlicher Teil des Ozeans. Genauso bleibt auch der Geist, wenn er einmal in die Gottheit eintritt oder in Gott eintaucht, nicht länger ein individueller Geist für den Rest der ihm zugeteilten Spanne seiner physischen Existenz, sondern wird zum einheitlichen Teil Gottes, dem Ozean des Lebens. All dies kann nur durch die Gnade einer Meisterseele erreicht werden, und so wird die mühsame Reise heimwärts ganz leicht und glatt vor sich gehen. Es ist dem Menschen nicht gegeben, dies durch sich selbst und ohne Hilfe eines Satgurus zu erreichen.

Es ist das fundamentale Gesetz Gottes,
dass sich keiner ohne die Hilfe eines Satgurus Gottwärts bewegen kann.

Guru Granth Sahib War Bihagra M.4

Es gibt einen und nur einen Weg zurück zu Gott, der für alle, ob reich oder arm, hoch oder niedrig, gebildet oder ungebildet, ob vom Osten oder vom Westen, Lappländer des hohen Nordens oder Buschmänner des Südens, derselbe ist. Er ist der älteste und natürlichste Weg und universal in seinem Aufruf, da er von Gott Selbst für Seine Kinder bestimmt wurde. Da hat es nichts zu sagen, wo immer sie in der weiten Welt sein mögen, zu welcher Religion sie sich bekennen und welches ihre Rasse, ihr Stand und Glaubensbekenntnis ist. Das ist im wesentlichen das Gebiet der spirituellen Wissenschaft, wie sie von den Meisterseelen von Zeit zu Zeit gelehrt wurde – entsprechend den Bedürfnissen des Zeitalters, in dem sie lebten und in der jeweils gebräuchlichen Sprache des Volkes. Daher die grundlegende Ähnlichkeit in ihren Lehren.

Die Wahrheit ist eine, obwohl sie von den Weisen
verschieden beschreiben wird.

Uphanishaden

Heilige wirken als Steuermänner im stürmischen Meer des Lebens. Sie nehmen die Bürde auf sich, rechtschaffene Seelen heil durch die Untiefen und versunkenen Felsblöcke zu steuern und geben sich nicht zufrieden, bis diese sicher in die Heimat des Vaters zurückgebracht sind. Sie kommen von weit her, aus einem rein geistigen Reich, mit einem festgelegten Ziel und der Botschaft, den weltmüden Pilger Seele zu führen, der nach der Wiedervereinigung mit der Quelle und dem Ursprung des Lebens verlangt.

Sie sind göttliche Seelen, gehüllt in menschliche Körper
und kommen mit Gott-Erkenntnis.
Sie kommen von unbekannten Orten, um die Seelen zu leiten
und haben immer nur die Heimreise im Sinn.

Maulana Rumi

Die Schriften sind voll von den spirituellen Erlebnissen solcher hohen Seelen und bilden ein gemeinsames Erbe der Menschheit. Ihre Anweisungen sind für alle die gleichen, denn ihr Aufruf an die Menschheit ist universal und nicht nur für die eine oder andere soziale Gemeinschaft oder für Orden. Sie sprechen von der Ebene der Seele aus zu allen verkörperten Seelen, ungeachtet ihrer konfessionellen Zeichen und Etiketten, denn Gott gehört denen, die Ihn als ihr Eigen beanspruchen!

Er ist unvergleichlich und unbekümmert,
aber mit Seinen Ergebenen ist Er verbunden.
Alle anderen sind der Welt verhaftet
und haben keine Hingabe an den Herrn.
Guru Granth Sahib Sorath Ravidas

Surat Shabd Yoga strebt nach der direkten Vereinigung der Seele mit Gott. Zur Zeit der Initiation gibt der Meister dem Aspiranten eine innere Ersthand-Erfahrung der Spiritualität, so gering sie auch sein mag. Sie kann im Laufe der Zeit durch regelmäßige Praxis spiritueller Disziplin weiter entwickelt werden. Alle Schriften geben einen genauen Bericht von den Lehren dieses natürlichen Yoga, der nicht irgendeiner bestimmten Sekte oder Religion vorbehalten ist. Da Gott für die ganze Menschheit da ist, sind auch die Meister dieser Wissenschaft für alle da. Wenn man auf dem spirituellen Pfad fortschreitet, eröffnen sich ungeahnte Ausblicke und enthüllen ungeträumte, spirituelle Bereiche. Aber diese Erfahrungen sind nur durch die Gnade eines Satgurus möglich.

Kurz, keiner kann sich ohne die Hilfe eines unfehlbaren Führers auf dem Gottespfad bewegen, man nenne diesen Führer, wie man will: Einen Gottmenschen, einen Murshid-i-Kamil (vollendeter Meister) oder einen Rahbar-iHaq (Führer zum Reich der Wahrheit). Es ist daher unbedingt notwendig, dass der Wahrheitssucher nach einem vollkommenen Meister sucht, der in der Theorie und auch in der Praxis des Surat Shabd Yoga vollendet ist. Es ist unwesentlich, ob einer für die Suche nach einem wirklich kompetenten Meister sein ganzes Leben aufwendet und dabei in alle zehn Himmelsrichtungen von einem Ort zum anderen wandert, denn der Pfad ist schmal und schärfer als eine Rasierklinge. Eng ist das Tor, und nur wenige gibt es, die es finden. Ein vollkommener Meister leitet die Seele wahrhaftig aus der Dunkelheit zum Licht, aus der Unwahrheit zur Wahrheit und vom Tod zur Unsterblichkeit. Er ist ein unfehlbarer Freund auf Erden und im Jenseits.

Er bleibt immer bei dir, ob du lebst oder stirbst,
gleich, ob du hier auf Erden bist oder im Jenseits.

Maulana Rumi

Sogar am Ort des Gerichtes steht Er dir zur Seite.
Guru Granth Sahib Suhi M.1

Darum heißt es:
O Nanak, sprenge alle irdischen Bande
und suche nach einem wahren Freund.
Der eine wird dich schon im Leben verlassen,
während der andere dich sogar im Jenseits begleiten wird.

Guru Granth Sahib Maru War M.5

In ihrer Gemeinschaft kann man das Körperbewusstsein überschreiten und sich ins kosmische Bewusstsein und danach ins Überbewusstsein erheben, das weit jenseits der Grenzen der großen Auflösung liegt und das in Ewigkeit immer dasselbe ist. All unsere Mühen und Sorgen sind das Ergebnis unserer Trennung von der Gotteskraft, aber durch die Wiedervereinigung können wir das Reich Gottes noch einmal erlangen. Durch die Schuld des ersten Menschen (Adam) haben wir den Garten Eden verloren, und durch den ersten Menschen (den Sohn Gottes) kann die Versöhnung mit dem Vater (dem Geist Gottes) hinter dem sonst undurchdringlichen Schleier der Dunkelheit (Bajjar Kapat), hinter beiden Augen, stattfinden. Dort erfreut sich die Seele ewiger Wonne, während sie sich im Lichte des Himmels sonnt.

Farid, ein Moslem-Heiliger von großem Ansehen, erklärt nachdrücklich:
O Farid, beginn eine weltweite Suche nach einer Meisterseele,
fahre damit unaufhörlich fort, oben und unten, rechts und links, überall.
Und einmal wird es dir gelingen, einen Menschen der Gnade zu finden,
und dann wirst auch du Gnade erfahren.

Solch ein Mensch zeigt und nicht nur den Weg und ist immer mit uns, sonder begleitet uns als Führer von Ebene zu Ebene, von der irdischen, physischen Welt bis Sach Khand, der Stätte der Wahrheit.

Wenn der Geist den physischen Körper überschreitet und zunächst die Regionen der Sterne, der Sonne und des Mondes überquert, sieht er die strahlende Form des Meisters. Und dann heißt es, dass er die zweite Geburt erlangt hat. Von da an übernimmt der Meister die Seele und führt sie von Ebene zu Ebene. Auch Christus sagte:

Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde,
so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.

Das ist die Geburt aus dem Geiste zum Unterschied von der Geburt aus dem Wasser. Während die letztere aus vergänglichem Samen ist, ist die erstere aus unvergänglichem Samen. Von nun an ist der Geist oder die Seele unter der Obhut des Meisters, und keine Macht der Finsternis kann sie mehr versuchen.

Die Lehren der Heiligen sind, wie oben gesagt, die ältesten und natürlichsten. Sie sind am besten geeignet für alle Zeitalter und für Menschen aller Arten und Klassen, ungeachtet des Geschlechts, der Rasse und der Glaubensanschauung. Dieser natürliche Weg hat sich niemals geändert und kann nur von einem kompetenten Meister gelehrt werden. Jede einzelne Seele kann die Wahrheit dieser Lehren nachprüfen, indem sie sie annimmt und einer gründlichen Untersuchung unterzieht.