Von Sant Kirpal Singh, aus dem Buch "Was ist Spiritualität?" – Kapitel 12

Um den Leiden und Sorgen zu entgehen und höchstes immerwährendes Glück zu erlangen, führt jeder einen ungestümen Kampf und erreicht am Ende doch nichts. Der ist ein weiser Mensch, der beständig aufrichtige Anstengungen in die rechte Richtung macht und niemals sein Ziel oder Ideal aus den Augen verliert. Wenn man kein klares Ziel hat, so wandert man planlos und endlos in völliger Finsternis umher. Ein klar umrissenes Ziel dient als Leitstern, der uns auf jeder Stufe führt, und so bringt jeder Schritt den müden Wanderer dem Ende der Reise näher.

Blosse Anstrengungen ohne eine richtig gelenkte Aufmerksamkeit, die auf das entsprechende Ziel konzentriert ist, kann einen Menschen nirgendwo hinbringen. Ziel und Anstrengung müssen daher auf einer Linie sein, ehe man auf Erfolg hoffen kann. Ein Leben voller Mühen, aber mit dem Rücken zum Ziel gewendet, kann bestimmt nichts ausrichten.

Sucht man etwas in der falschen Richtung,
so wird es niemals Frucht tragen.
Kabir

Das wäre wie ein endloses Drehen im Kreis mit verbundenen Augen, ähnlich wie ein Ochse, der an einer Ölpresse eingespannt ist und sich den ganzen Tag mit Scheuklappen an den Augen bewegt. Auf diese Weise käme der Mensch aus dem Teufelskreis nicht heraus und könnte überhaupt keinen Fortschritt machen.

Wohin man sich auch wendet, sieht man in der Welt nichts als Streit und Ruhelosigkeit. Die Geschöpfe nähren sich voneinander und kämpfen unaufhörlich um ihr Überleben. Diese übergrosse Verwirrung ist nur geboren aus der Unwissenheit oder dem Mangel an Wissen um das endgültige Ziel. Das menschliche Leben hat, wie jede Art des Lebens, sein eigenes Eldorado, über das man im Buch des Lebens selbst etwas erfahren kann. Alle heiligen Schriften und alles Wissen der Welt sind nur ein Ergebnis der Entfaltung des Geistes in den intellektuellen Zentren innerhalb des menschlichen Körpers. Alle Inspirationen kommen von der Seele im Innern, der Quelle allen Wissens und aller Weisheit.

Wahrlich wunderbar ist das Haus, in dem wir leben. Gott selbst offenbart sich der menschlichen Seele heute genauso wie früher, vorausgesetzt, dass sie rein, klar und empfänglich ist. Der Körper ist wahrhaftig der Tempel Gottes, in dem der Geist des Menschen und der Geist Gottes zusammenleben; anders wäre er nur ein Kadaver und gerade recht, den Flammen oder dem Grab übergeben zu werden. Shamas-i-Tabrez, ein grosser Moslemheiliger, sagt:

Neben diesem Grashalm des menschlichen Körpers
flutet ein endloser Strom des Lebens.
Im Herzen dieses Atoms verborgen,
ist das Licht von hundert Sonnen.

Es ist dem Menschen aber nicht gegeben, die Mysterien des Lebens ohne die Hilfe einer Meisterseele zu erkennen. Der ganze Makrokosmos liegt im Mikrokosmos verborgen. Man muss tief im Innern graben, um die unsagbaren Schätze der Spiritualität an der Wurzel der Seele zu erreichen. Einer, der Gott im Äußeren sucht, ist nur ein Zweifler und Ketzer und kennt die wirkliche Wahrheit nicht.

Alles ist im Körper, und nichts ist ausserhalb.
Wer im Äusseren sucht, wandert in der Täuschung.
Guru Grant Sahib/Majh M. 5