Von Sant Kirpal Singh, aus dem Buch "Was ist Spiritualität?" – Kapitel 1

Der Mensch ist älter als alle Philosophien und Religionen, die ursprünglich dazu bestimmt und später geformt und entwickelt worden waren, sein moralisches und spirituelles Wohlergehen zu sichern, damit er schließlich Erlösung oder Freiheit von der Knechtschaft des Gemüts und der Materie erlangt. Doch trotz Reichtum, ethischen Werten und den gewaltigen Errungenschaften in ildung, Wissen und Weisheit ist er mit seinem Leben nicht wirklich zufrieden, weil er nicht imstande gewesen ist, die fundamentale Wahrheit der Liebe, die allen Religionen zugrunde liegt, zu verwirklichen.

Gott schuf den Menschen, und der Mensch gründete die Religionen. Daher sind die Religionen für den Menschen da und nicht der Mensch für die Religionen. Die verschiedenen Religionen wie Hinduismus, Buddhismus, Christentum, Islam, Sikhismus und andere sind im Laufe der Zeit in Erscheinung getreten, um den ursprünglichen menschlichen Bedürfnis, gemäß den Erfordernissen der damals herrschenden Bedingungen, zu dienen. Wenn wir den Strom der Zeit zurückverfolgen, finden wir vor 500 Jahren noch keine Spur von den Sikhs, von den Moslems vor 1400 Jahren, von den Christen vor 2000 Jahren und von den Buddhisten und den Jains vor fünf- oder sechstausenden Jahren. Vor dem Erscheinen der arischen Stämme erschienen viele Rassen und verschwanden auch wieder von der Szenerie des Lebens. Der Mensch aber ist immer Mensch geblieben, der Herr der erschaffenen Dinge – zu allen Zeiten und in allen Himmelsrichtungen; sei es im Osten oder Westen, immer und überall blieb er derselbe in seiner wesentlichen Natur: Ein beseelter Körper oder eine verkörperte Seele, ohne Unterscheidung durch Stand, Glauben oder Rasse. Das innere Selbst in ihm ist von der gleichen Essenz wie die Essenz Gottes.

"Der Geist im Menschen ist von derselben Essenz, wie der des alles durchdringenden Geistes." Kabir

"Alle Kreaturen sind Geschöpfe von ein und derselben Essenz." Sheikh Saadi

Jedes Land und jedes Zeitalter hatte seine Weisen und Seher. Korruption, Entartung sind die natürlichen Merkmale der Zeit, und immer wieder erscheinen Propheten, um die Dinge in Ordnung zu bringen. Alle Religionen verdanken ihre Entstehung solchen Meisterseelen. Ziel und Zweck der verschiedenen religiösen Gemeinschaften waren immer gleich: Einen Weg zurück zu Gott zu zeigen, das fehlende Bindeglied zwischen Gott und Mensch zu finden. Sie sind somit ein Mittel zum Ziel, aber nicht das Ziel selbst. In der tatsächlichen Praxis finden wir, dass keine Religion einen hohen Grad der Befreiung gewährt. Der Fehler liegt nicht in den Religionen, sondern bei jenen, die sie den Menschen vermitteln.